Nachruf auf Paul Krattinger, im November 2019

(Thomas Käpernick, wissenschaftlicher Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte)

Paul Krattinger, einer der letzten Überlebenden des KZ Kaltenkirchen, ist am 26. Oktober 2019 in Champagnole in Frankreich verstorben.

Paul Krattinger wurde 98 Jahre alt. Im Jahr 2015 hat er die KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen zum letzten Mal besucht. Paul Krattinger wurde am 10. Juli 1921 im französischen Jura, nicht weit von der Schweiz entfernt, geboren. Schon als Jugendlicher arbeitete er in Orgelet im väterlichen Betrieb bei der Produktion und Lagerung der traditionellen Käse der Region. Im Juli 1944 kam es im Jura zu Kampfhandlungen und Widerstandsaktionen der Resistance. Bei einer Razzia in Orgelet wurden Paul Krattinger und andere junge Männer festgenommen und über verschiedene Gefängnisse nach Compiegne gebracht. Am 31. Juli 1944 fuhr der Deportationszug in das KZ Neuengamme ab. Über die Außenlager Fuhlsbüttel und Salzgitter-Watenstedt wurde Paul Krattinger im Oktober 1944 in das Außenlager Kaltenkirchen gebracht. Am 17. März wurde er als nicht mehr arbeitsfähig aussortiert. Er hatte eine Verletzung am Fuß. Aus dem Schonungsblock des KZ Neuengamme wurde er wenig später auf eine wochenlange Irrfahrt geschickt. In offenen Kohlewaggons endete die Fahrt im KZ Ravensbrück. Wie Paul Krattinger 2015 berichtete, wog er bei seiner Befreiung nur noch 42 kg. Paul Krattinger kehrte in die Heimat zurück und führte lange Zeit den väterlichen Betrieb weiter.

DSCI0143 compr. (Paul Krattinger 2015 bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch mit Sohn und Enkeltochter)

 

Paul Krattinger kehrte in Pelerinages mit der französischen Amicale de Neuengamme zurück an die Orte seiner KZ-Haft. 2005 war er in der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen. 2015 hat er mit seinem Sohn Jean-Paul und einer Enkeltochter Amandine die Orte seiner Haft in Neuengamme und Kaltenkirchen nochmals besucht. Auch hat er über seine Verfolgungsgeschichte in einem Videointerview Zeugnis abgelegt.

Paul Krattinger hat uns in diesen Begegnungen durch seine Offenheit, seine Menschlichkeit und seinen Beitrag zur Erinnerungskultur sehr beeindruckt. Er wird der KZ-Gedenkstätte und allen, die ihn kennen gelernt haben, fehlen.


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