Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der Region
Die Jahre 1933 bis 1941
Militärflugplatz Kaltenkirchen
Das Lager
Der Lageralltag
Widerstand
Die Toten
Die Evakuierung des Lagers
In der Region um
Kaltenkirchen errang die NSDAP
schon vor der Machtergreifung 1932 bei den
Reichstagswahlen 78,7% der Stimmen. Hier im südlichen Schleswig-Holstein
entstanden frühzeitig braune Hochburgen. Die Nazis
bestimmten also schon vor
1933 das öffentliche Leben mit ihrem Ungeist. Kirche, Schulen, örtliche
Presseorgane und Vereine transportierten die braunen Gedanken in alle Köpfe und
besonders in die der Jugend. Öffentliche Übertragung von Hitlerreden, Nutzung
von nationalen Gedenktagen, Auftreten bei volkstümlichen Veranstaltungen,
„Deutsche Abende“ mit „Deutschem Tanz“, nächtliche paramilitärische Übungen,
massenhafte Plakate und Handzettel, auf Versammlungen und auf der Straße
gesungene Lieder usw. machten die Nazis allgegenwärtig. Maßgebliche Vertreter
der Gemeinde und des Kirchspiels, Ortspolitiker, Pastoren und Lehrer, sprachen
sich öffentlich für die NSDAP aus, wie es zum Beispiel der kaltenkirchener
Pastor Ernst Szymanowski tat. Sie schufen Vertrauen in der Bevölkerung für die
Hitlerpartei und bereiteten so dem Unheil den Weg.
Wie überall in Deutschland wurden auch in der Region Kaltenkirchen die
demokratischen Strukturen beseitigt und alle öffentlichen Einrichtungen, die
bisher noch nicht nationalsozialistisch angehaucht waren, gleichgeschaltet. Auch
in Schleswig-Holstein wurden Konzentrationslager errichtet, um unliebsame
Personen verschwinden zu lassen und jeden Widerstand zu brechen. Die Ausgrenzung
der jüdischen Mitbürger nahm ihren Fortgang. Das alles geschah unter Mitwirkung
oder Zustimmung der Bevölkerung in der Region. Der Weg der „Volksgemeinschaft“
in den Krieg wurde vorbereitet. Kirche, Schule und Presse trommelten für den
bevorstehenden „großen Kampf“. So nahm allmählich das Unheil in und um
Kaltenkirchen Gestalt an. Der Militärflugplatz Kaltenkirchen entstand ab 1938,
Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter gehörten ab 1940 zum öffentlichen Bild aller
Gemeinden.
Schon
1935 wurde das Gelände durch die Luftwaffenführung erkundet. Ab 1938 begann der
Ausbau. Als 1944 erste Jagdflugzeuge mit Düsenantrieb aufkamen, musste die
Start- und Landebahn des Flugplatzes verlängert werden, damit die neuen
Jagdflugzeuge in Kaltenkirchen starten und landen konnten. Die Luftwaffenführung
forderte billige Hilfskräfte an und die SS lieferte sie, KZ-Häftlinge aus dem
KZ-Neuengamme.
So entstand im
Spätsommer das KZ-Außenkommando Kaltenkirchen. Das
System der Konzentrationslager hatte anfangs der Ausschaltung der politischen
Gegner gedient und führte nun während des Krieges Arbeitskräfte der
Kriegswirtschaft zu, verbunden mit dem Zweck der „Vernichtung durch Arbeit“. Über 500 KZ-Häftlinge aus Neuengamme wurden zu den Arbeiten für die Verlängerung
der Start- und Landebahn in Kaltenkirchen eingesetzt. Die Häftlinge kamen aus
vielen europäischen Ländern. Die meisten waren Russen, Polen und Franzosen.
Lagerführung und Funktionshäftlinge verwalteten das Lager, wobei die
Lagerführung den zwei bis drei SS-Angehörigen oblag und die Funktionshäftlinge
deren Anordnungen gegenüber den Kameraden durchsetzen mussten. Die
Wachmannschaft bestand aus 85 ältere, nicht fronttaugliche Soldaten der
Luftwaffe. Es ging um die Ausbeutung der Arbeitskraft
von über 500 KZ-Häftlingen nach dem Motto „Vernichtung durch Arbeit“. Da die
Sterberate sehr hoch war, wurden die „Abgänge“ immer wieder durch Neuzuführungen
aus dem KZ-Neuengamme aufgefüllt.
Fotos vom
Modell des Lagers finden Sie auf unserer Homepage in der Rubrik
"Geschichtliches" / "Fotos vom Modell des damaligen Lagers".
Er war geprägt
durch schlechte Hygiene, durch geringe
medizinische Versorgung, durch tägliches Strammstehen im oft stundenlangen
Zählappell bei Kälte und Nässe in unzureichender und verschmutzter Kleidung,
durch vielfältige weitere Demütigungen, Schläge, Fußtritte, Strafgymnastik und
Essensentzug. Die Arbeit selber draußen an der Start- und Landebahn unter
Aufsicht örtlicher Firmen, die Fußmärsche dorthin und zurück taten das Übrige,
um viele Häftlinge physisch und psychisch zugrunde zu richten. Unter der
Bezeichnung Muselmänner verstand man in den deutschen Konzentrationslagern, auch
in Kaltenkirchen, die zugrunde gerichteten Häftlinge, die in der Regel die
Widerstandskraft und den Lebenswillen aufgegeben hatten. Ihr Zustand war das
Ergebnis der Misshandlungen und Entbehrungen des Lageralltages. Sie waren
entweder zu Skeletten abgemagert oder durch Ödeme aufgedunsen und mit Geschwüren
bedeckt. Nur wenige überlebten diesen Zustand.
Es gab manche Versuche, dem Vernichtungswillen der SS entgegenzuwirken. Der Widerstand drückte sich in heimlicher Listenführung des Lagerschreibers Jaskiewicz aus, in illegalen Grabbeigaben zur späteren Identifizierung der Toten, durch Fluchtversuche und durch uneigennützige Hilfen, die zwei Einwohnerinnen von Springhirsch einigen Häftlingen zukommen ließen.
Die täglich anfallenden „Abgänge“,
die Toten, wurden jeweils
morgens vom Beerdigungskommando abgefahren. Es stand unter der Leitung des
französischen Häftlings Richard Tackx. Tackx war Tischler und fertigte in der
Lagertischlerei Särge an. Zum Transport der
zuvor entkleideten Leichen benutzte man einen zweirädrigen Karren. Die Särge
wurden in der Regel nur zum Transport der Leichen verwendet. Die Toten wurden am Begräbnisort einfach in die Grube gekippt, in Moorkaten gruppenweise neben- oder
übereinander. Nur Franzosen wurden gelegentlich im Sarg begraben. Bezüglich der
Leichen der Osteuropäer hieß es: „Weg mit dem Dreck!“ Ein größerer
Beerdigungsplatz lag in Moorkaten. Aber die Beerdigungen fanden auch an anderen
Plätzen statt. Berichte sprechen von langen, mittleren und kurzen
Beerdigungstouren. Nur der Platz in Moorkaten ist heute bekannt und würdig
gestaltet.
Nach massiven Bombenangriffen durch alliierte
Bomber wurde das Lager am 16. April 1945 geräumt. Die Häftlinge wurden mit der AKN ins Lager Wöbbelin überführt, wo die Bedingungen für sie noch grausamer
waren als in Kaltenkirchen. „In diesem Lager kämpfte man jeden Tag ums
Überleben. Die Leute waren wahnsinnig vom Hunger,“ schrieb der Kaltenkirchener
Häftling B. Krajewski.