I. Einleitung
1. Stadtarchivar Schröder legt Listen vor
2. Die Frage nach der Anzahl der Toten trotzdem nicht eindeutig zu klären
3. Die subjektiven Einschätzungen von Betroffenen als historische Quellen
II. Die Aussagen von Augenzeugen:
1. Der polnische Lagerschreiber Jaskiewicz
2. Johannes Wehres
3. Französischer General Mahieu
4. Richard Tackx
5. Weitere Hinweise, die für eine höhere Opferzahl sprechen
III: Schlussbemerkung
Druckversion
Karl-Michael Schröder, Stadtarchivar in Kaltenkirchen, hat im Februar 2003 eine
Untersuchung über die Toten des KZ-Außenkommandos Kaltenkirchen vorgelegt. Sehr
sorgfältig wertete er die ihm vom Trägerverein zur Verfügung gestellten
Unterlagen aus, das waren Totenlisten aus verschiedenen Quellen, ein Auszug aus
der Datenbank der Gedenkstätte Neuengamme und der amtliche Bericht über die
Exhumierung der Toten auf der Gräberstätte in Moorkaten im Jahre 1951. Schröder
überreichte dem Trägerverein der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen die Kopie einer
von ihm überarbeiteten Datenbank sowie ein vollständiges Verzeichnis aller
dokumentierten Todesfälle. Wichtigste Quellen für die Listen waren das
„Kommandoschreiberbuch“ des polnischen Häftlings Sascha Jaskiewicz und die
Aufzeichnungen des französischen Häftlings Richard Tackx. Die Liste von Tackx
beginnt am 11.11.44 und die von Jaskiewicz erfasst die Lagerinsassen ab dem
10.1.45.
So konnte er für den Zeitraum vom 11. Nov. 1944 bis zum Zeitpunkt der
Lagerauflösung am 16. April 1945 genau 214 im Kaltenkirchener Lager verstorbene
Häftlinge feststellen, deren Namen und weitere persönliche Daten bekannt und
ermittelt sind. Karl-Michael Schröder stellte am Schluss seiner Untersuchung für
das KZ-Außenlager als „gesichert“ fest, „dass dort etwa 200 Menschen
verschiedenster Nationen zu Tode kamen.“
Aber in der Einleitung seiner Untersuchung bemerkte er selber, dass die mehr als 200 bisher sicher identifizierten Toten nicht der Gesamtzahl aller im Kaltenkirchener Lager Verstorbenen entsprechen kann. Somit schickte er seiner Untersuchung folgende Bemerkung vorweg: „Da es offenbar verschiedene Begräbnisplätze gab, deren Lage bis heute nicht in allen Einzelheiten bekannt ist, darüber hinaus die heute vorliegenden Totenlisten entweder nicht den gesamten Zeitraum umfassten, in dem das Lager existierte, oder aber erst nach dem Ende des Krieges erstellt worden waren, kann bis heute die Frage nach der Anzahl der Toten nicht eindeutig geklärt werden.“
Der Trägerverein hat nun die Arbeit des Stadtarchivars Schröder zum Anlass genommen, seinerseits dessen Ergebnisse durch eigene Recherchen zu ergänzen. So sehr der Trägerverein die gewissenhafte Arbeit des Stadtarchivars Schröder würdigt, nämlich eine sorgfältig erarbeitete und zuverlässige Liste von mehr als 200 verstorbenen Häftlingen mit wertvollen Daten übersichtlich vorgelegt zu haben, umso mehr fühlt er sich jetzt dazu gedrängt, auch die subjektiven Beobachtungen und Einschätzungen von Augenzeugen und Betroffenen entsprechend zu gewichten und in Betracht zu ziehen. Denn die schriftlich überlieferten Quellen, deren Lückenlosigkeit nicht eindeutig ist und deshalb ein zuverlässiges Bild vortäuschen können, dürfen nicht die alleinige Grundlage für die Beurteilung des Sterbens im Lager sein.
In den sechziger Jahren besuchte der ehemalige Häftling Jaskiewicz, der im
Kaltenkirchener Lager die Funktion des Lagerschreibers innegehabt hatte, mit
einem Hamburger Journalisten die Stätte seines Leidens. Sie stellten sich dem
Pfarrer in Kaltenkirchen vor und suchten mit ihm die Stelle auf, wo sich das
Lager nach seiner Erinnerung befunden hatte. Diese Begegnung wurde von dem
Journalisten in dem Bericht „Kaltenkirchener Wintertag“ festgehalten. Jaskiewicz
rechnete seinen Begleitern damals aus der Erinnerung vor, dass nach seinem
Eindruck 500 Polen, 200 Russen und 150 Franzosen im Kaltenkirchener Lager ums
Leben gekommen waren. Die Belegschaft sei 1 ½ mal ausgestorben, das versicherte
er auch später schriftlich und mündlich. Wie glaubwürdig die von Jaskiewicz
geschätzte Totenzahlen sind, lässt sich auch daran erkennen, dass seine
Schätzung, die die verstorbenen Franzosen betraf, der Zahl der in den Listen
dokumentierten toten Franzosen recht nahe kam. Offensichtlich war es den
Franzosen besser gelungen als den Russen und Polen, ihre Toten des Lagers zu
dokumentieren, zum größten Teil das Verdienst von Richard Tackx. Gerade den
Osteuropäern wurde eine geringere Aufmerksamkeit zuteil. Im Lager hieß es unter
der Wachmannschaft menschenverachtend: „Weg mit dem Dreck“, eine unmittelbare
Auswirkung der damals in Deutschland von der Nazipropaganda geschürten
allgemeinen Auffassung, dass die slawischen Völker „Untermenschen“ seien.
In einem Brief, den Jaskiewicz am 13.1.76 an das Mitglied des Kaltenkirchener
Historischen Arbeitskreises Stefan Bindheim schrieb, sprach er darüber, wie
kompliziert es sei, für die Gesamtzahl der Toten „volle Beweise“ zu finden.
„Eins steht für mich fest: nicht alle, weit nicht alle, waren beurkundet... Dazu
kommen ja auch Kriegsgefangene, die – so wie ich weiß – überhaupt „namenlos“
verschwinden mussten.“ Hier werden die Hinweise entscheidend, dass eben nicht
alle Verstorbenen beurkundet worden sind und dass sie „namenlos“ irgendwo
verscharrt wurden, eindeutige Aussagen darüber, dass die heute bekannte
Namensliste von über 200 toten Häftlingen nicht die Gesamtzahl der Opfer
wiedergeben kann.
In demselben Brief betonte Jaskiewicz, dass in den bekannten Grabstätten
Moorkaten und Springhirsch nach seinem Eindruck „über 400“ begraben liegen und
fügte hinzu: „Dazu kommen noch ca. 150 – 200 dicht am Zaun des Lagers – vor dem
Zaun des Block 2 ...“ Dieses „Massengrab“ ganz in der Nähe des Lagers, das bis
heute nicht gefunden wurde, hat es mit großer Wahrscheinlichkeit gegeben. Denn
der General Mahieu, der als Häftling in Kaltenkirchen überlebt hat, bestätigte
die Existenz eines Grabes in der Nähe. Er musste selber dort, „und zwar am Rande
des Waldweges zwischen Ringstraße und Reichsstraße 4, an der keine Baracken
standen“, wie er in einem Gespräch mit Gerhard Hoch am 5.5.1985 beschrieb,
einmal Leichen begraben. Richard Tackx allerdings konnte sich an ein Massengrab
am Lagerzaun nicht erinnern.
Jaskiewicz wusste auch darüber zu berichten, dass nach seiner Erinnerung „bis
Hundert irgendwo im Wald“ verscharrt sein müssen. Denn der „aus Kaltenkirchen
geholte Pferde-Leichenwagen“ habe Leichen irgendwohin, nur nicht nach Moorkaten
oder zum Kaltenkirchener Friedhof gebracht, sondern sie „irgendwo im Wald
liegengelassen“. Dies habe der „Fuhrmann“ selber gesagt. Und so kam er in seinem
Brief an Bindheim zu dem Schluss: „Darum ersieht man den Grund, warum auch im
geretteten Büchlein kein Komplett der Kommando-Teilnehmer und Opfer drinnen
ist.“ Diese Schlussfolgerung des Zeitzeugen Jaskiewicz muss unbedingt seine
gebührende Beachtung finden, denn der polnische „Lagerschreiber“ und ehemalige
Häftling war schon durch seine hervorgehobene Position im Lager einer, der die
Vorgänge genauer und aufmerksamer überblicken und deuten konnte als andere
Häftlinge.
Johannes Wehres, ein schon vor dem Kriege wegen seiner Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei im KZ einsitzender Häftling, war im Herbst 1944 von Neuengamme nach Kaltenkirchen überstellt worden und hatte hier unter den Häftlingen das Amt des Lagerältesten inne. Von ihm gibt es einen Bericht vom 13.2.1946, der u.a. indirekt die Aussage von Jaskiewicz bezüglich eines Massengrabes in der Nähe des Lagers bestätigt. Darin heißt es: „Erfolg der schlechten Ernährung und der langen Arbeitszeit ... war, dass wir in kurzer Zeit 200 arbeitsunfähige Häftlinge hatten. Die tauschte Waldmann (Nachfolger des Lagerführers Freyer ab Ende Januar 1945) mit dem Stammlager Neuengamme aus. Den Ersatz wirtschaftete er bei seiner Methode in 1 bis 1 ½ Monaten genau wieder herunter... Um die Transportkosten für die Überbringung der verstorbenen Häftlinge zu sparen, befahl Waldmann, diese unmittelbar am Lager zu begraben...“ Interessant an dieser Aussage ist nicht nur wieder dieser Hinweis auf ein Massengrab in der unmittelbaren Nähe des Lagers, sondern auch die Information, dass aus dem KZ-Neuengamme frischer Nachschub an Häftlingen gekommen war. Dass es vielfache Transporte von Neuengamme nach Kaltenkirchen gegeben hatte, und zwar erheblich mehr Häftlinge dorthin verfrachtet wurden als von dort weg, selbst wenn man die Zahl der endgültig aus dem Lager im April1945 Evakuierten mitbetrachtet, das belegen vorhandene Unterlagen. Freilich gehen aus ihnen keine exakten Zahlen hervor.
General Mahieu nannte am 5.5.85 in einem Gespräch mit Gymnasiallehrern ein
interessantes Zahlenverhältnis. Er selber war erst am 12.10.44, als das
Kaltenkirchener Außenkommando schon seit zwei Monaten bestanden hatte, mit der
AKN zusammen mit anderen Häftlingen nach Kaltenkirchen gebracht worden. Sie
sollten offenbar die dortigen Abgänge auffüllen. Nach zwei Monaten, so stellte
er dar, seien von den 500 bis 600 Häftlingen 200 bereits tot und 200 weitere zu
arbeitsunfähigen und todgeweihten „Muselmännern“ geworden. Ihm war also die
Todesrate von einem Drittel aller Häftlinge und einem Drittel Todgeweihter
aufgefallen, d. h., nach seiner Einschätzung müssen im Kaltenkirchener Lager
zwei Drittel aller Häftlinge während ihres Aufenthaltes dort entweder zu Tode
oder zumindest bis an den Rand des Todes geschunden worden sein. Der Zeitraum,
in dem dies geschah, war ihm allerdings nicht mehr gegenwärtig, denn in einem
anderen Interview (KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Zugangsnummer 1173, Bl. 28)
nannte er dasselbe Zahlenverhältnis bezogen auf den Zeitraum von 6 Monaten und
nicht auf den von 2 Monaten. Trotzdem, es war ihm eine erschreckend hohe
Todesrate als ein herausragendes Phänomen der Zustände im Lager in Erinnerung
geblieben. In demselben Interview (Bl.47) stellte er fest: „Wir waren zum
Schluss noch 8 Kameraden von ursprünglich ... 250 Franzosen in Kaltenkirchen,
das besagt schon, dass die Sterblichkeitsrate ... sehr hoch war.“
Er selber sah sich in den kalten Wintertagen dem Tode schon sehr nahe, wenn er
seine eiternden Wunden und seinen Schwächezustand betrachtete. Er wusste, dass
Häftlinge in seinem Zustand nur noch wenige Tage zu leben hatten. Da rettete
ihm, wie Mahieu im Interview hervorhob, der Lagerälteste Wehres das Leben, indem
der ihn aus dem Arbeitseinsatz entfernte, wo er nicht mehr in dünner Kleidung
und in stoffüberzogenen Holzschuhen bei eisigen Temperaturen harte und
schmutzige Arbeiten auszuführen und durch Eis und Schnee zu und von der
Arbeitstelle kilometerweit zu marschieren hatte. Er durfte Hilfsdienste in einem
warmen Raum ausführen. Er überlebte, und die vielen anderen, die später wie er
hätten Zeugen sein können, überlebten nicht.
Der französische Häftling Richard Tackx, der Tischler war und deshalb in
Springhirsch zeitweise das Beerdigungskommando anführte, bestätigte nach dem
Krieg, dass es eine lange, eine mittlere und eine kurze Beerdigungstour gegeben
hat. Die lange Tour führte zweifelsfrei diagonal über das Flugfeld zu dem
Massengrab in Moorkaten. Aber wo befand sich das Ziel der „kurzen Tour“? Wie
viele Beerdigungen hat es auf dieser und auf der „mittleren Tour“ gegeben? Die
in Lagernähe und irgendwo im „Tannenwald“ Beerdigten erfasst keine Liste. Sie
müssen jedoch berücksichtigt werden.
Tackx selber gab an, mindestens 250 Tote begraben zu haben, obwohl er nur eine
begrenzte Zeit, also nicht während der gesamten Zeit, in der das Lager
existierte, als Totengräber amtierte. Tackx, der verbotenerweise seinen
verstorbenen französischen Kameraden Erkennungsmarken mit ins Grab gegeben
hatte, konnte so die spätere Identifizierung erleichtern. Auch er betonte
wiederholt, dass die jahreszeitlichen Unbilden zu einem erschreckenden Ansteigen
der Todesfälle geführt haben.
Die Häftlingstransporte in Güterwagen der AKN ohne ausreichende Versorgung mit
Nahrungsmitteln und Wasser dauerten zwei Tage. Die dabei Gestorbenen erscheinen
namentlich in keiner Liste. Die müssten ebenfalls als Opfer des Lagers gesehen
und hinzu gezählt werden.
Die Todesfälle vor dem 11.11.44 erscheinen in keiner Liste, offenbar deshalb,
weil erst von da an im Lager Buch geführt wurde. Doch bis dahin hatte das Lager
schon fast drei Monate lang existiert. Es ist unwahrscheinlich, dass bis zu
diesem Zeitpunkt keine Häftlinge verstorben sein sollen, denn die Überlebenden
beklagten alle übereinstimmend eine hohe Sterblichkeitsrate des Lagers, die
nicht plötzlich erst am 11.11.44 eingesetzt haben kann.
Die genauen Opferzahlen werden wohl nie mehr zu ermitteln sein. Doch eines steht
zweifelsfrei fest: Es dürften weit mehr Tote des Kaltenkirchener Lagers zu
beklagen sein als jene gut 200, die in den Listen dokumentiert sind. Der
subjektive Eindruck der Überlebenden und Betroffenen mag gefärbt, die Erinnerung
mag durch das eigene schreckliche Schicksal getrübt, der Zorn über das erlittene
Unrecht mag die Dimension der vermuteten Opferzahlen ausgeweitet haben. Die Zahl
der im Kaltenkirchener Lager von August 1944 bis zum April 1945 verstorbenen
Häftlinge geht mit Sicherheit weit über die hinaus, die den Listen zu entnehmen
ist.
Man muss wohl, wenn wir die Aussagen der Überlebenden ernst nehmen und ihre
Eindrücke berücksichtigen, von einer wahrscheinlichen Gesamtzahl zwischen 500
und 700 Toten in der Zeit der Existenz des ehemaligen Lagers ausgehen. Das ist
eine Dimension, die bei einer Belegung des Arbeitslagers von wenig über 500
Häftlingen und angesichts der relativ kurzen Zeitdauer erschreckend hoch ist.