1. Wie es anfing
2. Die Historische Arbeitsgruppe Kaltenkirchen
3. "Hauptort der Verbannung“
4. Neugestaltung der „Kriegsgräberstätte“ Moorkaten
5. Zwölf wiedergefundene Jahre“ von Gerhard Hoch
6. Eine vergessene Ruine, Reste der „Entlausungsanstalt“
7. Die „Friedensgruppe Kaltenkirchen“
8. "Von Auschwitz nach Holstein“, über die Schwierigkeiten des Dorfes Sarau, mit der eigenen Geschichte konfrontiert zu werden.
9. Langsamer Klimawandel – der Beginn der neunziger Jahre
10. Fünfzig Jahre nach Kriegsende – 1995 endlich der Durchbruch
11. Die Entstehung der Gedenkstätte Springhirsch
a) Einleitung
b) Entdeckung von Resten
c) Maren Grimm und Oliver Gemballa
d) Mit dem Bagger zum Durchbruch
e) Das Projekt bekommt Eigendynamik
f) Einbindung der Schulen
g) Der Trägerverein gründet sich
h) Das Dokumentenhaus
i) Weiterer Ausbau der Gedenkstätte
j) Wie geht es weiter?
12. Zusammenfassung
Dreißig Jahre nach der Befreiung von der Nazi-Herrschaft im Jahre 1975
veröffentlichte Gerhard Hoch in der Kaltenkirchener SPD-Zeitung „INFO“ einen
Artikel mit der Überschrift „Kaltenkirchens blutige Erde“. Und hier schlug der
Autor das Thema an, das ihn seitdem bis heute nicht mehr losließ: „Wir wollen
immer auch, besonders im Hinblick auf die neuen und jüngeren Bürger, beitragen
zur Erhellung von Geschichte und Vergangenheit unserer Stadt.“ Das, was Gerhard
Hoch damals so ankündigte, hat er gegen Widerstände und widrige Umstände
unbeirrt, beharrlich, zielstrebig und erfolgreich bis heute in die Tat umgesetzt
und zu seinem Lebenswerk gemacht.
1975 war er auf die Spuren der Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme
in Kaltenkirchen gestoßen, hatte zum anderen von einem großen Gefangenenlager
für russische Kriegsgefangene in Heidkaten bei Kaltenkirchen erfahren und von
furchtbaren Häftlingszügen kurz vor Beendigung des Krieges erzählen gehört.
Darüber war aber bisher in Kaltenkirchen kaum etwas zu Ohren gekommen.
Offensichtlich hatte sich in Kaltenkirchen niemand für diese schreckliche
Vergangenheit interessiert. Es schien eher so, als sollte der Schleier des
Vergessens darüber gelegt werden. Die meisten der Älteren, die das Schreckliche
gesehen, miterlebt oder selber mitgetragen hatten, wollten offenbar vergessen.
Sie wollten nicht daran rühren, sei es, weil die Erinnerung sie als Betroffene
zu sehr schmerzte, sei es, weil sich auf einer negativen Basis für sie kein
positives Selbstverständnis aufbauen ließ, sei es, weil sie das Entsetzliche zur
Beruhigung des eigenen Gewissens verdrängen zu müssen glaubten oder sei es, weil
sie unbequemen Fragen und Anschuldigungen entgehen wollten. Doch dieser Schleier
des Verschweigens, des Vergessens und des Nicht-daran-rühren-wollens behinderte
zunehmend die Entwicklung zu einem demokratischen und humanen Gemeinwesen, wie
an der Zunahme neonazistischer Umtriebe in der Region, wie an
ausländerfeindlichen Stammtischparolen und an der politischen Abstinenz der
meisten Jugendlichen abzulesen war. Das erkannte Gerhard Hoch schon damals in
aller Klarheit.
Für ihn wurde es höchste Zeit, gerade die junge Generation darüber aufzuklären,
wie sich in der Vergangenheit der verführerische Ungeist des Nationalsozialismus
in der unmittelbaren Heimat ausbreitete, sich in den Köpfen der meisten
festsetzte und zuletzt seine mörderische Dynamik entfaltete. Aus der
Vergangenheit lernen wurde für ihn zu einer unabdingbaren Voraussetzung dafür,
Gegenwart human und demokratisch leben und Zukunft human und demokratisch
gestalten zu können. Diese Erkenntnis wurde zu Gerhard Hochs Lebensmaxime, die
er von damals – 1975 – bis heute leidenschaftlich verfolgte.
Einige Niederlagen und besonders die vielen Erfolge auf seinem Weg sollen hier
dargestellt werden.
1975 wurde die „Historische Arbeitsgruppe Kaltenkirchen“ gegründet. In ihr
arbeiteten zeitweise bis zu acht Mitglieder. Aber kontinuierlich in den ersten
Jahren beteiligten sich lediglich Stephan Bindheim, seine Frau Gisela und
Gerhard Hoch an der Aufklärungsarbeit über die braune Vergangenheit
Kaltenkirchens.
In einem Artikel der Norderstedter Zeitung vom 2. 1. 1976 wird Gerhard Hoch wie
folgt zitiert: „Ich habe viel Verständnis dafür, dass die Leute damals der
Hakenkreuzfahne gefolgt sind. Es war wie ein Rausch, der blind gegen das Unrecht
gemacht hat. Deshalb wollen wir jetzt die Gründe darlegen, die dazu geführt
haben, und mithelfen, dass so etwas nicht noch einmal geschieht. Es geht uns
nicht darum, heute noch Schuldige zu finden. Wir wollen aufklären und schon den
kleinsten Anfängen wehren, die sich für mich bereits in der Angst unserer Jugend
zeigen, sich politisch zu äußern.“
Der im Jahre 1923 geborene Gerhard Hoch hat die Verführungen des
Nationalsozialismus als junger Mensch am eigenen Leibe erfahren, zumal er in
einem vom Nationalsozialismus geprägten Elternhaus aufgewachsen war. Als
Hitlerjunge und Soldat im Zweiten Weltkrieg wurde er geprägt und belastet wie
die meisten seiner Generation in Deutschland. Aber im Gegensatz zu vielen seiner
Altersgenossen verarbeitete er bewusst als Erwachsener seine Vergangenheit. Er
beließ es nicht dabei und fand sich nicht damit ab, wie ein Stein geworfen zu
sein. Er fand sich nicht mit dem Etikett ab, zur „verlorenen Generation“ zu
gehören. Er erkannte das Verführerische, das Verderbliche und das Mörderische
des nationalsozialistischen Ungeistes nach dem Kriege und machte einen
schmerzlichen Verwandlungsprozess durch.
Um so glaubwürdiger konnte und kann er zur jungen Generation sprechen und sie
darüber aufklären, zu welchen schrecklichen Taten der Mensch fähig sein kann,
wenn er einer Ideologie wie der des Nationalsozialismus hörig wurde. Somit
erklärte sich die Leidenschaft und die Hartnäckigkeit von Gerhard Hoch, mit
denen er an die Aufklärungsarbeit heranging. Während die anderen des
Historischen Arbeitskreises – alle fast eine Generation jünger als er- früher
oder später wieder absprangen, führte er die einmal begonnene Arbeit konsequent
fort. Die eigene Biografie mit ihren Brüchen und Wandlungen trieb ihn im
Gegensatz zu den Jüngeren an, den einmal eingeschlagenen Weg weiterzugehen und
die begonnene Arbeit zu vollenden.
Schillers „Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären“
wollte Gerhard Hoch durch seine unbeirrte Erinnerungsarbeit durchbrechen. Was
Bertolt Brecht in den fünfziger Jahren erkannte: „Der Schoß ist fruchtbar noch,
aus dem das kroch“ ließ ihn nicht ruhen, besonders aufklärend auf die junge
Generation einzuwirken.
Jene „Traditionen, Mächte und Einflüsse..., die schon lange vor 1933 den
Faschismus aus sich hervorgebracht haben“ (Hoch: Von Auschwitz nach Holstein,
Hamburg 1990, S. 172) und heute durchaus immer noch wirken, galt es aufzuspüren
und ihrer Wirkung die Spitze zu nehmen.
Die braune Vergangenheit in der engsten Heimat, in der erlebten Heimat, wo man
verwurzelt ist, die galt es zu erhellen. Das war für Gerhard Hoch Kaltenkirchen
und Umgebung. Und er entdeckte, dass auch hier vor Ort all das Schreckliche
geschehen war, worüber die Geschichtsbücher in beruhigender Ferne berichteten.
Die Vernichtungsmaschinerie der Nazis war nicht nur in Auschwitz oder in
sonstiger Ferne angeworfen gewesen, sondern auch hier vor der eigenen Haustür.
Der Mikrokosmos Kaltenkirchen spiegelte haargenau den Makrokosmos des gesamten
nationalsozialistischen Herrschaftsbereiches wider. Hier geschah bis hin zu den
scheußlichsten Gräueltaten alles das, was es unter dem nationalsozialistischen
Einfluss anderswo auch gab. Und es war unter den Augen der Bevölkerung und mit
deren überwiegender Billigung geschehen.
So entdeckte die Historische Arbeitsgruppe schon 1975 und 1976 viele
Einzelheiten des KZ-Außenkommandos Kaltenkirchen, das Leiden und Sterben der
dort zur Arbeit an dem Ausbau eines Kriegsflugplatzes gezwungenen Häftlinge des
KZ-Neuengamme. Sie nahm Kontakte zu Überlebenden auf, führte Gespräche mit
Bewohnern in der Umgebung und recherchierte in Archiven und Dokumentationen. Zum
ersten Mal erfuhr die Gruppe Widerstand und Ablehnung, aber auch Zustimmung und
Unterstützung bei ihrer Arbeit.
Schon damals stieß die Gruppe auf die Namen Hertha Petersen und Else Stapel als
diejenigen Frauen, die den geschundenen KZ-Häftlingen in Springhirsch halfen.
Auch die Kontaktaufnahme zu ehemaligen Häftlingen, wie zum Beispiel zu den
Franzosen Richard Tackx, Louis Besancon, Roger Remond und zu dem Polen Sergiusz
Jaskiewicz führten zur Aufklärung und Erhellung dessen, was damals in dem
Arbeitslager Springhirsch bei Kaltenkirchen an Entsetzlichem geschah.
Bei ihren Untersuchungen erkannte die Historische Arbeitsgruppe sehr bald, dass
die Bevölkerung in der Umgebung des Lagers, also die Menschen in Nützen,
Kaltenkirchen, Alveslohe und erst recht in der unmittelbaren Nähe des
unmenschlichen Geschehens vieles nicht nur vom Hörensagen erfahren hatten,
sondern auch aus eigener Anschauung wahrgenommen haben mussten.
Im August 1977, nach fast dreijähriger Arbeit, löste sich die Historische
Arbeitsgruppe Kaltenkirchen auf. Aber Gerhard Hoch setzte die Arbeit fort, die
sich vor allem auf die Erhellung der Geschichte Kaltenkirchens zwischen 1933 und
1945 konzentrierte.
Als erstes Ergebnis der Forschung erschien 1977 das Heft „Reichsarbeitsdienst
in Kaltenkirchen, Abteilung 8/73 `Jürgen Fuhlendorf`“ von Gerhard Hoch.
Zwei Jahre später, 1979, kam das Buch „Hauptort der Verbannung – Das
KZ-Außenkommando Kaltenkirchen“ heraus. Hier stellte Gerhard Hoch zum ersten Mal
die Ergebnisse seiner vieljährigen Untersuchungen einer breiten Öffentlichkeit
vor, die das KZ-Arbeitslager in Springhirsch zu ihrem Gegenstand haben.
Im Spätsommer 1944 waren von Neuengamme etwa 500 KZ-Häftlinge nach Springhirsch,
Gemeinde Nützen, direkt neben der Reichsstraße 4, heute B4, verlegt worden, um
an den überlangen Start- und Landebahnen für ein neues düsenbetriebenes
Jagdflugzeug zu arbeiten. Nach dem Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“ waren hier
bis zum Frühjahr 1945 vermutlich bis zu 700 Menschen durch Hunger, Kälte,
Arbeit, Entbehrungen und Morde ums Leben gekommen. Es handelte sich um
KZ-Häftlinge aus vielen Nationen, insbesondere Russen, Polen, Franzosen und
Belgier.
Wie dem Presseecho zu entnehmen war, wirbelte diese Dokumentation des Grauens in
der Region viel Staub auf. Viele begrüßten das Werk, weil endlich das Augenmerk
auf die Geschichte der unmittelbaren Nachbarschaft und nicht auf eine abstrakte
Ferne gelenkt wurde. Aber andere verübelten es dem Autor, dass er die
schreckliche Vergangenheit der eigenen Wohnumgebung nicht ruhen ließ. Man
beschimpfte ihn als „Nestbeschmutzer“, als „Kommunistenhund, der vergast gehört“
oder versuchte in Leserbriefen den Autor zu diffamieren, ohne überhaupt auf die
im Buch vorgestellten Fakten einzugehen.
Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges war auch von offizieller
Seite, von den Kommunen und dem Landkreis, die Existenz des Lagers
totgeschwiegen worden.
Schon während der Vorbereitung des Buches war Gerhard Hoch auf Widerstand,
Schweigen oder gar auf Feindseligkeiten gestoßen. Dabei hatte er immer wieder
betont, dass es ihm bei der Aufhellung der Geschichte in der eigenen Region
nicht auf Abrechnung oder Verurteilung ankomme, sondern darauf, sich erinnernd
zu lernen. „Nur in der Begegnung mit den eigenen Fehlschlägen und Fehlern
gewinnt man Erfahrung, lernt man, gleiche oder ähnliche Fehler vermeiden, wird
man hellhörig gegen Tendenzen, die schon einmal zu Fehlern führten.“ (Gerhard
Hoch: Zwölf wiedergefundene Jahre – Kaltenkirchen unter den Hakenkreuz, S. 12)
Im Heimatspiegel vom 2. August 1979 hieß es nach dem Erscheinen des Buches:
„Detailliert gibt die Dokumentation Auskunft über das Lagerleben, die
Arbeitsbedingungen, zeigt am Beispiel des Lagerkommandanten Otto Freyer, dass
auch ein SS-Hauptsturmführer in der Behandlung einen gewissen Spielraum hatte.
Dass man nicht Kopf und Kragen riskierte, wenn man auf Schikanen
verzichtete ... Die Dokumentation von Gerhard Hoch macht nachdenklich, weil sie
... zeigt, dass es vielfältige Möglichkeiten gab, Widerstand zu leisten.“
Bei seinen Nachforschungen war Gerhard Hoch u.a. auf die beiden Frauen, Hertha
Petersen und Else Stapel, gestoßen, die den Gefangenen vielfach geholfen hatten.
So bewahrten sie zum Beispiel deren illegalen Aufzeichnungen auf. Außerdem
steckten sie den Halbverhungerten Nahrungsmittel zu und hielten sogar unter
Riskieren des eigenen Lebens geflohene Gefangene bei sich versteckt, bis die
Engländer kamen. Damit retteten sie den geflohenen Franzosen das Leben.
Den Handlungsspielraum und die Mitverantwortung jedes Einzelnen - damals wie
heute - zeigte Gerd Hoch in seiner Darstellung auf, um besonders auf junge Leute
erzieherisch einwirken zu können. Und er hoffte, dass sein Werk über das
ehemalige KZ „direkt vor unsere Tür“ in den Schulen gelesen und besprochen
würde.
Im Sommer 1977 und 1978 haben 28 Jugendliche aus sieben Ländern die
„Kriegsgräberstätte Moorkaten“ in dreiwöchiger Arbeit neu gestaltet und in einen
den hier begrabenen Opfern des Nationalsozialismus würdigeren Zustand versetzt.
Träger dieser Maßnahme waren der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und die
Stadt Kaltenkirchen.
Mehr als dreißig Jahre nach dem Ende des Krieges wurde endlich die regionale
Öffentlichkeit darüber informiert, dass hier in Moorkaten auf Kaltenkirchener
Gebiet KZ-Opfer und russische Kriegsgefangene lagen, die durch Hunger,
Überanstrengung und Mord ums Leben gekommen waren. Bisher hatte das
Hinweisschild „Kriegsgräberstätte“ die wahren Hintergründe und die Wirklichkeit
der Gräberstätte verschleiert und einen Soldatenfriedhof suggeriert.
Die Jugendlichen, die in freiwilliger Arbeit Umbettungen vorgenommen und neue
Grabkreuze aufgestellt hatten, wurden zeitweise von Neonazis gestört und durch
Heil-Hitler-Rufe belästigt. Auch die damaligen neonazistischen Aktivitäten im
Kreis Segeberg hatten schon im Vorfeld die Jugendlichen irritiert. Um so
wichtiger und wertvoller ihre Arbeit!
Erst durch die Nachforschungen und durch Aktionen der „Historischen
Arbeitsgruppe“, die die Öffentlichkeit hatten aufmerksam werden lassen, war
diese Neugestaltung der Gedenkstätte möglich geworden.
So waren schon 1975, am 7. September, zahlreiche, vor allem junge Menschen,
einer Einladung der „Historischen Arbeitsgruppe“ gefolgt, auf dem Friedhof an
der Kieler Straße die unscheinbaren Grabsteine von Opfern
nationalsozialistischer Gewalt mit je einer Blume zu schmücken. Pastor Scholz
begleitete die Menschen dabei.
Dann, am Volkstrauertag 1975, machte die „Historische Arbeitsgruppe“ in einer
beeindruckenden Aktion mit Windlichtern, für jeden Toten ein Licht, die
Öffentlichkeit auf die zu Tode geschundenen Kriegsgefangenen und KZ-Opfer
aufmerksam. Über 100 Menschen hatten damals an der Aufsehen erregenden und
unvergessenen Aktion an der Gräberstätte in Moorkaten teilgenommen.
Doch immer noch sprach man offiziell von der „Kriegsgräberstätte Moorkaten“ und
auch das Hinweisschild an der Betonstraße wies nichts Genaueres aus. Es dauerte
noch eine Weile – 1995 -, bis Gerhard Hoch und seine Freunde in der
„Friedensgruppe Kaltenkirchen“ durchsetzten, dass alle Wegweiser zur
Gräberstätte und auch die Hinweistafel am Eingang in Moorkaten auf die toten
russischen Kriegsgefangenen und die KZ-Opfer ausdrücklich hinwies. Der
„Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“, der die Neugestaltung 1978 mit
getragen hatte, fühlte sich dadurch gestört und wollte die irreführende
Bezeichnung „Kriegsgräberstätte“ nicht aufgeben. Doch die Stadt Kaltenkirchen
folgte den einleuchtenden Argumenten Gerhard Hochs, dass alle Tafeln und
Wegweiser unverschleiernd und unverfälschend auf das hinweisen müssen, was die
Gräberstätte tatsächlich barg: „Gräberstätte für Kriegsgefangene und KZ-Opfer“.
1980 war das Manuskript zu dem Buch von Gerhard Hoch: „Zwölf wiedergefundene
Jahre – Kaltenkirchen unter dem Hakenkreuz“ fertig gestellt worden. An diesem
Werk hatte der Autor viele Jahre gearbeitet und alles Wissenswerte über die
Jahre 1933 bis 1945 in Kaltenkirchen recherchiert, zusammengetragen und auf
beeindruckende Weise dargestellt. Das Buch erfuhr nicht nur in Kaltenkirchen,
sondern bundesweit und sogar im Ausland eine starke Resonanz.
Zunächst fand eine unerfreuliche Diskussion über die öffentliche Bezuschussung
statt. Das umfangreiche Werk konnte nur als Buch gedruckt werden, wenn es aus
öffentlichen Mitteln gefördert wurde. Aber gerade die CDU-Mehrheitsfraktion in
Kaltenkirchen, der Stadt, deren braune Vergangenheit sozusagen beispielhaft für
ähnliche Verhältnisse in anderen Teilen des „Tausendjährigen Reiches“
dargestellt worden war, verweigerte den Zuschuss. Die CDU-Ratsherren begriffen
nicht die Chance für ihre Stadt. Mit der Bezuschussung des Buches hätte ein
bundesweites, ja sogar internationales Zeichen gesetzt werden können. Denn am
Beispiel Kaltenkirchens war zum ersten Mal endlich klar, konkret, anschaulich
und mit Namensnennungen der Schleier gehoben worden, der nicht nur hier, sondern
auch in anderen Teilen Deutschlands die jüngste Vergangenheit bedeckte und den
Eindruck vermittelte, als hätten die braunen Jahre hier nie und die Verbrechen
nur in weiter abstrakter Ferne stattgefunden.
Es hätte deutschlandweit und international große Beachtung und viel Anerkennung
dafür gefunden, dass die kleine Stadt im südlichen Schleswig-Holstein die
lückenlose Aufklärung ihrer „zwölf vergessenen Jahre“ förderte und unterstützte.
Aber kleinkariert befürchteten die CDU-Leute, dass ihre Stadt in die negativen
Schlagzeilen käme. In die sie allerdings dann auch geriet, aber nicht durch die
von Gerhard Hoch enthüllten braunen Jahre in Kaltenkirchen, sondern wegen der
ablehnenden CDU-Haltung, die Anlass zu vielerlei Spekulationen bot.
Das Land und der Kreis förderten das Buch. So konnte es zu einem angemessenen
Preis erscheinen. Inzwischen – im Jahre 1980 - hatte sich in Deutschland
wenigstens in offiziellen Verlautbarungen die Stimmung ein wenig gewandelt. Es
gab Ansätze dafür, dass jetzt auch der Alltag jener braunen Jahre in der
unmittelbaren eigenen Nachbarschaft ins Blickfeld rückte. „Allzu offenkundig war
die Kluft zwischen den Informationen über die großen Linien, über Krieg,
Judenverfolgung oder Einzelpersonen wie Hitler und dem weitgehenden Schweigen
über das, was sich in der eigenen Familie, in Ortschaften oder ganzen
Landstrichen abgespielt hatte.“ (In: Frankfurter Rundschau vom 30.10.80 – Karsten
Plog) So begann die Presse anzumerken.
Doch in Kaltenkirchen und Umgebung wirkten noch Reste des Vergessen- und
Verschweigenwollens. Das musste der Verfasser schmerzhaft erfahren, als er am
Telefon beschimpft wurde, unappetitliche Briefe erhielt und gewissen
Anfeindungen in der Öffentlichkeit sich ausgesetzt sah. Aber insgesamt überwog
eine erfreuliche und ihn ermunternde Zustimmung.
Was hatte Gerhard Hoch mit seinem Buch geleistet? Er rekonstruierte akribisch
die Jahre zwischen 1933 und 1945 in Kaltenkirchen und Umgebung. Auf 344 Seiten
verpackte er in übersichtlicher Weise die politischen und gesellschaftlichen
Entwicklungen, Verhältnisse und Ereignisse anschaulich, engagiert und nicht ohne
Anteilnahme. Und er nannte Namen und Orte, an die sich ältere Kaltenkirchener
erinnern konnten. Viele Seiten wurden zum Beispiel der Rolle der ev. Kirche in
Kaltenkirchen gewidmet. Der damalige Pastor Ernst Szymanowski, im Amt seit den
zwanziger Jahren, und seine besonders unrühmlichen Aktivitäten im Sinne des
Nationalsozialismus wurden nicht ausgelassen. Wie der das rassistische und
unmenschliche Gedankengut der Nazis mit der Amtskirche im Rücken unter die Leute
brachte, wurde genauso deutlich dargestellt, wie dessen weiterer schrecklicher
Lebenslauf, als er seinen Talar auszog, unter dem veränderten Namen Biberstein
als SS-Einsatzkommandoführer wurde und entsetzliche Verbrechen und Morde zu
verantworten hatte. Auch dessen unglaubliche Nachkriegsgeschichte, die ein
erschreckendes Licht auf den Zustand der Bundesrepublik der fünfziger, sechziger
und siebziger Jahre warf, wurde nicht verschwiegen. 1947 wurde Biberstein, alias
Szymanowski, als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt, 1951 wandelte man das
Urteil in „lebenslänglich“ um und 1958 wurde er begnadigt und entlassen. Danach
lebte er als „unbescholtener“ Bürger und Mitarbeiter in der Kirchenverwaltung
Neumünster und bekam eine Generalabsolution vom Probst Richard Steffen
persönlich und schriftlich, der ihm „vorbildliche Haltung“ auch während der
Nazizeit bescheinigte.
Gerhard Hoch wollte auch mit diesem Werk kein Richter sein, sondern mit
betroffener Sachlichkeit und konkreter Anteilnahme das aufspüren und darstellen,
was lange verdrängt und deshalb unbewusst weiter wirksam war. Indem er mit
unverfälschtem und teilnehmendem Blick auf die vergessenen zwölf Jahre der
engsten Heimat schaute, wurde Lernen aus Fehlern möglich, konnte Bewältigung und
Verarbeitung des Vergangenen geschehen, konnte durch Trauer und Schmerz Heilung
herbeigeführt werden. Darum ging es dem Autor. Er selber hatte die Chance auf
solche Heilung am eigenen Leibe erfahren. Als junger Mensch
nationalsozialistisch geprägt und programmiert überwand er selber in einem
schmerzhaften Prozess diese seine Prägung. Die Hoffnung, dass so auch andere,
dass so die Gesellschaft gesunden möge, trieb seine jahrelange akribische Arbeit
der Aufklärung jener dunklen Jahre an. Dass sich die schreckliche Zeit niemals
wiederholen möge – hinter welcher Maske auch immer - , diesem einen Ziel ordnete
er alle seine Aktivitäten, Initiativen und die vielen Publikationen, die noch
folgten, unter.
Welche Wellen das Buch im In- und Ausland schlug, belegten nicht nur die
zahlreichen Reaktionen in der deutschen und ausländischen (besonders
französischen) Presse, auch Funk und Fernsehen nahmen sich des Buches an. Radio
Bremen zum Beispiel sah sich zu einer einstündigen Sendung „Eine Kleinstadt
unterm Hakenkreuz“ veranlasst, eine Sendung, die auf eine große Resonanz stieß
und wiederholt werden musste.
Und dann brachte das ZDF am 28. Januar 1983 zur besten abendlichen Sendezeit
eine Dokumentationssendung „Zum Beispiel Kaltenkirchen...“. Dieser Film des ZDF
zeigte selber noch einmal auf, welche Schwierigkeiten die Stadt Kaltenkirchen
auch im Jahre 1983 noch mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte hatte. Denn
im Zuge der Vorrecherchen zum Film ergaben sich Probleme. Die Reserviertheit der
meisten Kaltenkirchener war offenkundig. Aber nicht nur Einzelbürger taten sich
schwer, die Arbeit des Filmautoren zu unterstützen, sondern auch Behörden. Hier
sei besonders die Kirchenbehörde genannt. So verweigerte ein Pastor jedes
Gespräch über mögliche Aktivitäten der Kirchengemeinde anlässlich der
Ausstrahlung des ZDF-Filmes. Die Kirche hatte nicht vor, ihre Mitglieder zu
einer Diskussion über die ZDF-Sendung einzuladen. Sie entzog sich so einfach der
einmaligen Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit der eigenen örtlichen
Geschichte.
Im Frühjahr 1983 erschien auf Sonderseiten der Elmshorner Nachrichten eine
geschichtliche Abhandlung mit dem Titel „Erinnerungen an Holocaust: Das
„Sterbelager“ für Kriegsgefangene an der B4“. Neben anderen Fotos wurde hier das
Foto einer Ruine in Garagengröße an der B4 gezeigt und als verwitterter Rest des
„Sterbelagers“ für sowjetische Kriegsgefangene in Heidkaten identifiziert. Bei
diesem im Bild gezeigten Gebäuderest handelte es sich um die
„Entlausungsanstalt“ des Lagers unter der offiziellen Bezeichnung „Erweitertes
Krankenrevier des Stammlagers XA Schleswig, Zweiglager Heidkaten“. Die
Darstellung in den Elmshorner Nachrichten fußte auf den Nachforschungen von
Gerhard Hoch, die er zuvor schon in seinen Büchern und Aufsätzen veröffentlich
hatte. Das Lager war schon 1941 errichtet worden und bestand bis 1944. Hierher
verlegt wurden kranke russische Kriegsgefangene in vierstelliger Zahl,
angeblich, um gesund gepflegt zu werden. Doch tatsächlich starben die meisten
hier an den Entbehrungen und Krankheiten, denn an einer Rettung der
„Untermenschen“, wie die Osteuropäer damals in Deutschland abqualifiziert
wurden, durch gute Versorgung und Medikamente war man nicht interessiert.
In dem Bericht der Elmshorner Nachrichten hieß es: „Der frühere Lagerplatz ist
noch heute gut erkennbar, dort wo jetzt die Bus-Haltestelle Heidkaten liegt:
eine große quadratische Fläche, mitten darauf der halbverfallene Rest der
einstigen Entlausungsanstalt, kein Baum, nur dichtes Gras ist darüber gewachsen.
Zum 30. Januar dieses Jahres beantragten Kaltenkirchener Bürger bei ihrer
Stadtvertretung, wenigstens diese Ruine als historisches Denkmal zu erhalten...“
Die damalige CDU-Mehrheitsfraktion allerdings konnte sich nicht mit dem
Vorschlag anfreunden.
Im Sommer 1983 führte Gerhard Hoch oftmals Gruppen zu der Ruine, die wie ein
Zeugnis schrecklicher Vergangenheit die Besucher beeindruckte. Darüber wurde
öffentlich berichtet. Auch der SPD-Antrag in der Kaltenkirchener
Stadtvertretung, die Ruine zu erhalten, eine Gedenktafel anzubringen und eine
Zuwegung herzurichten, war nicht vergessen, sondern schwelte lange weiter im
zuständigen Ausschuss der Stadt. Der damalige Staatssekretär im
Bundesverteidigungsministerium, Peter-Kurt Würzbach (CDU), verweigerte endgültig
eine Gedenkeinrichtung (2.2.1984). Kettenfahrzeuge des Bundeswehrstandortes
zerstörten daraufhin die unliebsame Ruine. Das Landesbauamt Lübeck rechtfertigte
hinterher den Abriss damit, dass man von der historischen Bedeutung nichts
gewusst habe.
In den achtziger Jahren machte die „Friedensgruppe Kaltenkirchen“ häufig von
sich reden. Neben Stellungnahmen zu aktuellen politischen Ereignissen und neben
Aktionen zur Förderung des Friedengedankens und der Völkerverständigung ließ die
Gruppe niemals locker, auf die Vergangenheit Kaltenkirchens mahnend und
gedenkend hinzuweisen. Es ließ sie nicht ruhen, dass entlang der B4 in Höhe
Kaltenkirchen nichts an die blutige Vergangenheit erinnerte. Deshalb stellte sie
hier selbstangefertigte Schilder auf mit folgendem Inhalt: „Hier stand bis Ende
September der letzte Gebäuderest des Kriegsgefangenenlagers X A . In diesem
Sterbelager wurden von 1941 – 44 einige Tausend sowjetische Kriegsgefangene zu
Tode gebracht.“
Es dauerte nicht lange, da erzwang die Bundeswehr die Beseitigung der
Gedenktafeln. Die Zeit für eine Gedenkstätte vor Ort war im hiesigen Raum noch
nicht gekommen.
Aktionen, Veröffentlichungen, Anträge in den parlamentarischen Gremien und viele
Vorträge hielten die Erinnerung an Kaltenkirchens „blutige Erde“ wach. Nur mit
ihrem Wunsch nach der Einrichtung einer Gedenkstätte kam die „Friedensgruppe“
zunächst nicht weiter. Die in Schleswig-Holstein herrschende CDU war noch nicht
soweit, ihr passten mahnende Gedenktafeln nicht in Kaltenkirchens Landschaft.
Auch meldeten sich immer wieder Ältere zu Wort, die eine derartige Aufarbeitung
der Vergangenheit, wie sie Gerhard Hoch betrieb, nicht ertragen konnten. Ein
Beispiel sei hier erwähnt. Ein inzwischen sehr alter Herr, Gustav Toosbüy,
ehemaliger Leiter des Zweiglagers Moorkaten und pensionierter
Wehrmachtsoffizier, hatte in einem offenen Brief an den Kaltenkirchener
Bürgermeister Fehrs, der in den Kaltenkirchener Nachrichten vom 31.12.83 zitiert
wird, u.a. folgendes geschrieben: „Die Tausenden von Kriegsgefangenen, die
angeblich in Heidkaten von der Wehrmacht umgebracht worden sein sollen,
existieren nur in der Phantasie von Gerhard Hoch.“
Gerhard Hoch hatte niemals die „Entlausungsanstalt“ im Zweiglager Moorkaten als
Tötungsanstalt bezeichnet, wie Toosbüy unterstellen wollte. Sondern er schrieb
immer über die durch Hunger, Entkräftung, Krankheit und Entbehrungen im
Kriegsgefangenenlager Heidkaten umgekommenen russischen Kriegsgefangenen.
Solche Einwände belegten nur die tragische Verstrickung vieler jener Älteren,
nämlich ihre Prägung durch die nationalsozialistische Ideologie in jungen Jahren
und die davon bestimmte Wahrnehmung. Wer dazu erzogen worden war zu glauben,
dass Osteuropäer minderwertige „Untermenschen“ seien, um die es nicht schade
ist, wird in jenen Jahren die menschliche Tragödie der unterernährten,
geschundenen und vernachlässigten Millionen russischer Kriegsgefangenen in
Deutschland so nicht wahrgenommen haben, selbst dann nicht, wenn sich ein Lager
in unmittelbarer Nähe befand oder man sogar damit zu tun hatte. Man verschloss
die Augen und im Nachhinein erinnerte man sich lieber zur eigenen Entlastung an
Positives und neigte zur Beschönigung der Verhältnisse. Das ist tragisch, weil
diese Selbsttäuschung und Wahrnehmungsfärbung unbewusst ablief und die
Betroffenen an ihre gefärbte Wahrheit wirklich glaubten.
Wie die Wahrnehmungspsychologie erkannt hat, ist Wahrnehmung immer von
Überzeugungen, Einstellungen und Wertvorstellungen abhängig. Sie sind die
Rezeptoren und Antennen. Eine objektive „Wahrheit“ gibt es nicht. So schaute
auch Gerhard Hoch durch eine „Brille“, es ist aber die Brille der Menschenliebe,
des Mitfühlens und des Anteilnehmens, mit dieser Brille sah er auf das Leiden
von russischen Kriegsgefangenen, von französischen KZ-Häftlingen oder auf das
Leiden von Angehörigen anderer Nationen, und dabei macht er keine Unterschiede.
Und deshalb nahm er die Geschichte der braunen Jahre als so schrecklich wahr,
wie er sie dargestellt hat. Wer aber zu der, wie man sagt, „verlorenen
Generation“ gehörte, die ihre nationalsozialistische Prägung kaum verändert
immer noch mit sich herumschleppte, diesen Alten mussten Gerhard Hochs
Darstellungen „ideologisch verzerrt“ und als Schwarzmalerei erscheinen.
In den achtziger Jahren meldete sich der Historiker und Mahner Gerhard Hoch in
Aufsätzen, Vorträgen und Leserbriefen häufig zu Wort und scheute sich nicht,
deutlich auch zu aktuellen tagespolitischen Themen Stellung zu beziehen. Mit dem
historisch geschulten Blick beobachtete er, kommentierte er, war unbequem dabei
und förderte mit seiner geschichtlich sensibilisierten Beobachtungsgabe
bedenkliche Entwicklungen der Gegenwart zutage.
So wurden die vielen Gedenktage in den achtziger Jahren genutzt, immer wieder
mahnend an die Vergangenheit zu erinnern, wie zum Beispiel der Gedenktag „50
Jahre Reichspogromnacht am 9.11.88.“ So stellte er zum Beispiel in der Umschau
vom 11.11.88 folgendes fest: „Die Ausländerfeindlichkeit heute bildet ein
ähnliches Fundament, wie der früher eher unterschwellige Antisemitismus.“
Gemeint war der Antisemitismus in den zwanziger Jahren vor der Machtergreifung
der Nazis.
Am Ende des Jahres 1988 erschien ein weiteres Buch von Gerhard Hoch: „Das
Scheitern der Demokratie im ländlichen Raum. Das Beispiel der Region
Kaltenkirchen/Henstedt-Ulzburg 1870 – 1933“, ein Buch, das er später als sein
wichtigstes bezeichnete. In ihm wurde die Frage untersucht, wie es zu den
furchtbaren zwölf Jahren der Diktatur und der Unmenschlichkeit hatte kommen
können und wie sich die enorme Stärke der NSDAP bei der Reichstagswahl 1932 mit
78,7 % aller Stimmen in der hiesigen Region erklären lassen. Im Heimatspiegel
vom 14.12.88 wurde Gerhard Hoch so zitiert: „Der Faschismus,..., kam nicht über
das deutsche Volk, über die friedlichen Dörfer Kaltenkirchen und
Henstedt-Ulzburg, er kam vielmehr aus ihren Häusern, Vereinen, Schulen und
Kirchen ... Dies zu erkennen und zu benennen, bedeutet keineswegs eine
Entfremdung von Vätern und Heimat. Es bedeutet, im Gegenteil, Hinwendung und
führt zu fruchtbarer, nicht sentimentaler Annäherung.“ Also handelte es sich um
ein „Heimatbuch“ etwas anderer als der bisher gewohnten Art. Nicht der kitschige
Rückblick eines Traumes von der heilen Welt, sondern der klare, strenge,
forschende Blick eines Autoren, der genauso seine Heimat liebte wie andere.
Natürlich beschränkten sich die historischen Untersuchungen von Gerhard Hoch
nicht nur auf den Raum Kaltenkirchens. Ein Beispiel seiner Recherchen an anderer
Stelle sei hier erwähnt, weil es ein grelles Licht auf jene Verdrängungs- und
Verteidigungsmechanismen wirft, wie sie in den Dörfern und Städten
Schleswig-Holsteins wie überall in Deutschland auch am Ende der achtziger Jahre
noch wirksam waren. Gerhard Hoch hatte bei seinen Nachforschungen erfahren, dass
1945 in Sarau, einem Dorf an der Trave bei Ahrensbök, zwei Züge mit
KZ-Häftlingen angekommen waren. Der eine Zug aus dem KZ-Auschwitz-Fürstengrube
war von dem SS-Oberscharführer Max Schmidt angeführt worden. Während des Zuges
von Fürstengrube nach Sarau, dem Geburtsort von Max Schmidt, kam es ständig zu
Erschießungen kranker und zurückhängender Häftlinge aufgrund einer Anweisung,
Häftlinge, die den Zug wegen Erschöpfung oder Krankheit aufhielten, zu
erschießen. In Sarau selber, wo die jüdischen KZ-Häftlinge in einer Scheune des
Gutes Siblin und auf dem Hof des Vaters von Max Schmidt untergebracht worden
waren, starben die meisten von ihnen durch Hunger, Krankheit und durch
Erschießungen. Die grausigen Vorgänge waren den Dorfbewohnern nicht verborgen
geblieben.
Max Schmidt war nach dem Kriege untergetaucht. Als er wieder in seinem
Heimatdorf Sarau auftauchte, lebte er lange unbehelligt, bis im Jahre 1964 ein
förmliches Ermittlungsverfahren gegen ihn eröffnet wurde. Das Verfahren
schleppte sich Jahre lang hin. Am 18.4.1979 erging der Beschluss der Großen
Strafkammer, den beschuldigten Max Schmidt „außer Verfolgung“ zu setzen. In der
Begründung hieß es, wie Gerhard Hoch den Akten entnahm, dass Max Schmidt „die
Verantwortung für die Tötungen während der Evakuierung gehabt hat. In einem Fall
habe er wahrscheinlich selber getötet, doch (hier zitiert Hoch wörtlich aus der
Urteilsbegründung) „seine Verurteilung ist ausgeschlossen durch
Verfahrensvorschriften, insbesondere über die Strafverfolgungsverjährung“.“
(Siehe Gerhard Hoch: Von Auschwitz nach Holstein, Hamburg1990, S.153)
Wer oder was hat die Verschleppung des Verfahrens zu verantworten?
Dass der unbehelligt in Sarau lebende Max Schmidt es nicht gerne sah, dass nun
erneut in seiner Geschichte gewühlt wurde, kann man irgendwie nachvollziehen.
Dass aber ein ganzes Dorf einschließlich der SPD-Mehrheitsfraktion in der
Sarauer Gemeindevertretung wie eine verschworene Gemeinschaft die
Aufklärungsarbeit behinderte und mauerte, das gab doch sehr zu denken.
Und wieder einmal waren Teile der protestantischen Kirche Schleswig-Holsteins
stärker an der Aufrechterhaltung eines positiven Images interessiert als an der
Aufklärung ihrer Rolle und ihrer Geschichte während und vor der Nazizeit.
Gerhard Hoch wollte die Sarauer Kirchenchronik einsehen, um die erzieherischen
Einflüsse, Traditionen und Mächte kennen zu lernen, die es schon vor 1933
gegeben hat und die auf den heranwachsenden Max Schmidt eingewirkt haben.
Übrigens „Traditionen, Mächte und Einflüsse, ...die durchaus noch nicht aus der
Welt sind.“ (Gerhard Hoch: Von Auschwitz nach Holstein, Hamburg 1990, S. 172)
Die Kirche verweigerte ihm die Einsicht in die Sarauer Kirchenchronik, von der
aber schon durchgesickert ist, dass in ihr vor und nach 1933 ein
deutsch-nationale Geist wehte und 1941 der „Aufbruch nach Osten“ mit Gebeten
begleitet wurde.
Auch das Nordelbische Kirchenamt lehnte ab. Man fürchtete wohl, es könne ein
schlechtes Licht auf die heutige Kirche fallen, wenn deren einstige Rolle als
Wegbereiter und Begleiter des Nationalsozialismus sichtbar gemacht würde.
Vor, während und nach den braunen Jahren führte Pastor Hesse die Pfarrei in
Sarau. Sein Sohn, Pastor in Kiel, befürchtete nun die Beschädigung des Ansehens
seines Vaters und die jetzige Pastorin Frau Großmann die Beeinträchtigung des
Friedens im Dorf. Selbst Bischof Ulrich Wilckens in Lübeck vermochte nicht,
Kirchenvorstand und Pastorin in Sarau umzustimmen.
Gerhard Hoch schrieb abschließend in seinem Buch (S.172): „Wo sich die
Geschichte jedoch im eigenen trauten Umfeld zu personifizieren beginnt, stößt
sie auf Abwehr... Man kann vor ihr die Augen verschließen; man kann sie vor den
eigenen Kindern und Enkeln wegzuschließen versuchen. Aber das wird vergeblich
sein.“ So formulierte Hoch hoffnungsvoll. Schließlich informierte er den Leser
ganz am Schluss seines Buches (S. 173): „Der Ahrensböker Kaufmann K.H., früher
selber Angehöriger der Waffen-SS, forderte mich lautstark auf, endlich „das
Herumwühlen in den alten Sachen“ zu unterlassen. Ein Mann wie Max Schmidt habe
doch nur getan, was sein Auftrag war. Auf meinen Einwurf: „Die Kranken und
Schwachen am Straßenrand abschießen?“ kam seine flinke Antwort: „Hätte er die
denn mitschleppen sollen?!“
Als Frucht des Buches von Gerhard Hoch gründeten Frauen und Männer in Ahrensbök
eine Vereinigung, der es inzwischen gelang, am Ort eine Gedenkstätte zu
errichten.
Die „Barschelaffäre“ 1987 und die anschließende Beendigung der Jahrzehnte
langen CDU-Mehrheiten in Schleswig-Holstein, aber wohl auch der immer größer
werdende Abstand zu den braunen Jahren – zynisch ausgedrückt: „der biologisch
bedingte Wandel“ - veränderte allmählich das Klima im Lande, wenn es an die
örtliche Aufarbeitung der Vergangenheit ging.
So konnte im Sommer 1989 ein von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und
von der Stadt Kaltenkirchen geförderter alternativer Stadtführer
„Zeitgeschichtliche Spuren in Kaltenkirchen 1933 bis 1945“ erscheinen, der an
die Schüler und Jugendvereine der Stadt verteilt wurde. Leider sehr kurz gefasst
auf zwanzig Seiten – zu mehr reichte der Zuschuss nicht – zeigte das Heftchen
den Jugendlichen zwanzig Stationen einer alternativen Stadtrundfahrt in
Kaltenkirchen, wo es Zeugnisse der braunen Vergangenheit zu entdecken gab. Der
Autor Gerhard Hoch fasste hier in knappster, aber anschaulicher Form seine
Forschungsarbeit der letzten Jahre zusammen. Leider musste wegen der Enge des
Darstellungsraumes manches unberücksichtigt bleiben. Doch die wesentlichsten
Punkte konnten angerissen werden: Das Hauptversammlungslokal der örtlichen NSDAP
„Hüttmanns Gasthof“, das einstige Gefangenenhaus neben dem heutigen
Jugendzentrum, von wo aus einst KPD-Mitglied Otto Gösch ins KZ-Kuhlen
verschleppt wurde, die beiden Pastorate, die vor und während der Nazizeit eine
unrühmliche Rolle gespielt haben, das Reichsarbeitsdienstlager an der Kieler
Straße, die Stelle der plattgewalzten Ruine der „Entlausungsanstalt“, das
KZ-Außenkommando in Springhirsch an der B4, wo der „Wald des Vergessens“ wuchs,
um einige Beispiele zu nennen.
Dem Autor Gerhard Hoch dürfte während der Herstellung des schmalen Heftchens
schmerzhaft bewusst geworden sein, wie sehr Kaltenkirchen eine Gedenkstätte
entweder am Platz der „Entlausungsruine“ oder in Springhirsch gebraucht hätte,
wo Tausende russische Kriegsgefangene, beziehungsweise Hunderte von
KZ-Häftlingen ums Leben gekommen waren.
*
Doch in der Folgezeit wandte sich Gerhard Hoch und die Friedensgruppe häufiger
aktuellen Themen und der Friedenspolitik (Golfkrieg) zu. Und zudem wurde jetzt
die NS-Zeit der Nachbarstädte von Kaltenkirchen, Quickborn, Elmshorn, Barmstedt
und Bad Bramstedt beleuchtet, was dort fast ähnliches Aufsehen auslöste wie
seinerzeit in Kaltenkirchen. Die Konfrontation mit der am Ort vergessenen
Geschichte löste Verblüffung, Abwehr und –endlich- Gedenken aus. Die Hinweise
auf die vergessenen Zwangsarbeiter in Elmshorn und Quickborn, die Entdeckung der
Bedeutung des fast vergessenen jüdischen Mitbürgers Oskar Alexander für die
Stadt Bad Bramstedt und dessen für die Stadt unrühmliches Schicksal sind
Beispiele. Alexander war ab 1931 Direktor der Rheumaklinik gewesen, nach 1933
aus seinen Funktionen gedrängt worden und in einem KZ umgekommen.
In Kaltenkirchen veränderten sich die Verhältnisse langsam. Zwar mauerte die
Stadt Kaltenkirchen immer noch lange, auf dem Friedhof an der Kieler Straße eine
Gedenkstätte zu errichten, die an hier begrabene und ermordete Opfer der Nazis
erinnern sollte. Nicht die Stadt, sondern die Kirche sei zuständig, hieß es
immer. Endlich zeigte sich die Kirche am Ort aufgeschlossener gegenüber dem
Gedenken an vergangenes Unrecht. So war also auf dem Friedhof nach langem
Bemühen der Friedensgruppe schließlich die Gedenkstätte durchgesetzt worden.
Gerhard Hoch sagte während einer offiziellen Begehung der Stätte am 46.
Jahrestag nach der Befreiung, am 8. Mai 1991: „Die Gedenkstätte ist kein Ort der
Anklage, sondern der Ermutigung und Bestärkung für auf Frieden zielendes Handeln
– auch im Hinblick auf Feindschaft und Gewalt in unserer heutigen Gesellschaft.“
(Siehe Heimatspiegel am 15.5.1991)
*
Wenn sich auch auf der offiziellen Seite, in den Parteien, den Kirchen und
Verbänden, die Einstellung hin zu mehr Offenheit in der Auseinandersetzung mit
der Geschichte bewegten, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus waren nicht besiegt,
sondern zeigten in den neunziger Jahren ihre hässliche Fratze und kahle Köpfe.
1992 war es zu einem Anschlag auf den Wohncontainer für Asylbewerber im Kamper
Stieg in Kaltenkirchen gekommen. Scheiben waren eingeschlagen und ein Auto in
Brand gesteckt worden. In einer öffentlichen Veranstaltung am 9.11.92 vor dem
Kaltenkirchener Rathaus forderte Gerhard Hoch die Bevölkerung auf, „sich
schützend vor Asylsuchende zu stellen.“(Umschau vom 11.11.92)
*
Nachdem 1990 der „Eiserne Vorhang“ gefallen war, meldeten sich aus Osteuropa
Stimmen ehemaliger KZ-Häftlinge des Außenkommandos Kaltenkirchen. Sie
bestätigten dankbar die bisherigen Untersuchungen. In einem Punkt korrigierte
aber der ehemalige Häftling Krajewski Hochs Darstellung. Hoch war davon
ausgegangen, dass der aus der Ukraine stammende Kriegsgefangene Koszlowski von
einem uniformierten Wächter erschossen worden war. Der sich aus Polen meldende
Krajewski erinnerte sich aber, dass der Ukrainer von einem deutschen
Vorarbeiter, also einem Zivilisten, der die Arbeiten an der Verlängerung der
Startbahn des Flughafens beaufsichtigte, ermordet worden war. Die ausgemergelten
und geschundenen KZ-Häftlinge waren deutschen Firmen auch aus Kaltenkirchen,
die den Ausbau des Flughafens betrieben, sozusagen als Arbeitskräfte zur
Verfügung gestellt worden.(Siehe Bericht in Kaltenkirchener Nachrichten vom
14.11.92)
Im November 1992 ließ Gerhard Hoch öffentlich durchblicken, dass er an eine
„zeitgeschichtliche Dauerausstellung“ in Kaltenkirchen denke (KN vom 14.11.),
und zwar im Rathaus. Er wies außerdem darauf hin, dass er bei seinen vielen
Kontakten zu Schülern in der Region auf großes Interesse und auf den Wunsch
gestoßen sei, Überreste des Lagers wieder auszugraben und zu konservieren. Das
sei bisher aber am Geld gescheitert. Deshalb müsse die Stadt einspringen.
Somit war das Thema 1992 angeschlagen, das ihn seitdem nicht mehr losließ.
Nachdem die Forschungsarbeit weitgehend abgeschlossen und veröffentlicht war,
musste jetzt eine Dauerausstellung des vielfältig vorhandenen Materials und eine
mahnende Gedenkstätte am Ort des ehemaligen Geschehens am besten mit Fundstücken
und konservierten Resten geschaffen werden. Denn nur so konnte die zur
Bewältigung der Gegenwart notwendige Erinnerung an die schreckliche
Vergangenheit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und wachgehalten
werden. Doch auf dem Weg dorthin mussten noch viele Steine aus dem Weg geräumt
werden.
Schon 1994 hatte die Friedensgruppe der Stadt Kaltenkirchen vorgeschlagen,
Straßennamen nach Personen zu benennen, die eng mit dem KZ-Außenkommando
Kaltenkirchen verbunden waren und unter der Gewaltherrschaft der Nazis gelitten
hatten. Im Jahre 1995, fünfzig Jahre nach der Befreiung von der
Gewaltherrschaft, signalisierte die Stadt Zustimmung. Zunächst nannte die
Friedensgruppe folgende vier Personen, die durch Straßenbenennungen geehrt
werden sollten:
a. Richard Tackx, der französischer Widerstandskämpfer war, ins KZ Neuengamme
verschleppt wurde, im KZ-Außenkommando Kaltenkirchen als Tischler Särge für
bestimmte Tote zimmern musste und der als zeitweiliger Anführer des
Beerdigungskommandos gegen das Verbot vielen verstorbenen Franzosen
Erkennungszeichen mit ins Grab legte, womit sie später identifiziert werden
konnten.
b. Hertha Petersen, die drei entflohenen Häftlingen unter Lebensgefahr half,
indem sie sie in ihrer Wohnung versteckte, Häftlingen heimlich Nahrungsmittel
zusteckte und wichtige illegale Aufzeichnungen von R. Tackx und dem
Lagerschreiber S. Jaskiewicz bis nach der Befreiung verwahrte.
c. Else Stapel, die wie Frau Petersen sich um die Häftlinge verdient gemacht
hatte, weil sie trickreich die Insassen des Lagers mit Lebensmitteln versorgte.
d. Otto Gösch, der als Kommunist in Kaltenkirchen denunziert und mehrfach
verhaftet worden war, im KZ-Kuhlen und Esterwegen einsitzen musste und erschöpft
und krank schon vor dem Kriegsende in Hamburg verstarb.
Die Friedensgruppe hatte einen Zehn-Punkte-Katalog dem Magistrat der Stadt
Kaltenkirchen vorgelegt und eine überraschend positive Resonanz erhalten. Neben
den vier Vorschlägen für künftige Straßenbezeichnungen hatte der Magistrat einer
weiteren Forderung der Friedensgruppe zugestimmt, nämlich in der nächsten
Ausgabe der Stadtinformation für Neubürger endlich die Ortsgeschichte der
Nazizeit aufzunehmen. Gerhard Hoch wurde gebeten, einen Textvorschlag zu machen.
Auch mit dem Austausch der Hinweisschilder zur Gräberstätte Moorkaten war man
schließlich einverstanden. Die Verkehrsaufsicht des Kreises Segeberg hatte
zugestimmt, dass die irreführende Bezeichnung „Kriegsgräberstätte“ durch
„Gräberstätte für Kriegsgefangene und KZ-Opfer“ ersetzt werden konnte.
Doch vom Vorschlag bis zur Zustimmung in den Gremien und dann bis zur Umsetzung
in die Wirklichkeit dauerte es für die Initiatoren unerträglich lange. Ständiges
Erinnern, Schriftverkehr hin- und her, Korrekturen und Ergänzungen erforderten
viel Geduld.
Eine andere Schwierigkeit tat sich noch auf, als im November 1995 Gerhard Hoch
plötzlich mitgeteilt wurde, dass der Magistrat der Stadt Kaltenkirchen Otto
Gösch als Namensgeber für eine Straße nicht haben möchte. Um den ganzen Vorgang
zu retten, schlug Gerhard Hoch einen Ersatz vor und zwar den Realschullehrer
Gustav Meyer, den er „mit gutem Gewissen“(Hoch in einem Brief an die
Friedensgruppe vom 22.12.95) empfehlen konnte.
Gustav Meyer, Lehrer in der Kaltenkirchener Mittelschule am Marschweg, war 1943
von einem seiner Schüler denunziert worden, als er die Rede Goebbels „Wollt ihr
den totalen Krieg“ im Unterricht kritisiert hatte. Man entfernte den Lehrer aus
dem Dienst, der sich im Gegensatz zu seinen Kollegen für ein anderes
Menschenbild als das der Nazis eingesetzt hatte, und sperrte ihn für viele
Monate ins Zuchthaus. Nach dem Kriege musste er drei Jahre warten, bis er wieder
in den Schuldienst eingestellt wurde, weil alte Seilschaften in Kaltenkirchen
ihn nicht haben wollten.
So bedauerlich es war, dass für die Öffentlichkeit der Name Otto Gösch in diesem
Zusammenhang verschwand, Gustav Meyer war ein würdiger und geeigneter
Namensgeber für eine Straße.
Es dauerte noch ein Jahr bis zum 21.9.96, als die vier neuen Straßenschilder
offiziell enthüllt werden konnten. Die Witwe Madame Tackx mit Freunden aus
Frankreich waren anwesend. Die noch lebende Witwe von Gustav Meyer dagegen sagte
die Teilnahme ab, weil sie die „so wenig gute(n) Erinnerungen“(Brief an Hoch im
Jan.1996) lieber ruhen lassen wollte.
Aber der Name „Kaltenkirchen“ begann nunmehr einen anderen Klang anzunehmen.
Dass in Kaltenkirchen eine Straße nach einem französischen Widerstandskämpfer
und KZ-Häftling benannt worden war und die Gräberstätte in Moorkaten als
Gedenkstätte für hier begrabene Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge gestaltet und
als solche auch deutlicher kenntlich gemacht worden war, wurde in Frankreich
sehr positiv aufgenommen.
Seitdem kamen französische Besucher, ehemalige KZ-Häftlinge, ihre Verwandten und
Freunde, alle zwei Jahre im Mai nach Kaltenkirchen und freuten sich darüber, wie
die Stadt das Andenken an vergangenes Unrecht wach hielt. Kaltenkirchen machte
sich einen Namen.
Aber es galt zum Beispiel an der Gräberstätte Moorkaten weitere Verbesserungen
zu erreichen. In Eingaben an den Magistrat wurde die Änderung des Textes der
Tafel am Eingang zu den Gräbern angemahnt, ein Radweg zur Gräberstätte
vorgeschlagen, die bessere Gestaltung der Zuwegung durch den Wald zu den Gräbern
gefordert und die Beseitigung des abschreckenden Schildes der Bundeswehr mit dem
Hinweis auf „Schusswaffengebrauch“ verlangt. In fast allen Punkten versprach der
Magistrat entsprechend zu handeln. Es bewegte sich etwas - wenn auch langsam -
in Kaltenkirchen.
Nur der Text auf der neu zu erstellenden Informationstafel an der Gräberstätte
Moorkaten führte in Kaltenkirchen zu Diskussionen, die an die früheren
Verschleierungstendenzen und Widerstände erinnerten. Dadurch alarmiert, schrieb
Gerhard Hoch am 13.3.2000 in einem Brief an die Stadt: „Der hervorragende, ja
einzigartig gute Ruf der Stadt Kaltenkirchen im ganzen Bundesland ... sollte
nicht durch einen Rückfall in frühere Jahrzehnte beschädigt werden.“
Worum ging es?
Die Arbeitsgruppe hatte der Stadt einen Textvorschlag für eine Informationstafel
an der Gräberstätte vorgelegt. Während einer öffentlichen Ausschusssitzung
beanstandete der Seniorenbeirat der Stadt drei Begriffe im Textvorschlag. Der
Hinweis, dass es sich bei dem „Erweiterten Krankenrevier des Stammlagers X A
Schleswig, Zweiglager Heidkaten“ um eine Einrichtung der deutschen Wehrmacht
gehandelt hatte, wollten die Senioren gelöscht haben. Aber auf eine derartige
Empfindlichkeit konnte und durfte keine Rücksicht genommen. Denn für den Tod der
zahlreichen russischen Kriegsgefangenen war nun mal die Wehrmacht
verantwortlich, und das durfte auf der Tafel nicht verschwiegen werden.
Des weiteren hieß es im Textvorschlag, dass die Leichen in Massengräbern auf dem
heutigen Übungsplatz der Bundeswehr verscharrt worden waren. Hieran stießen sich
ebenfalls die Senioren. Einmal, weil hier die Bundeswehr in einem schrecklichen
Zusammenhang erwähnt wurde, und zum anderen störte die Formulierung
„verscharrt“. Doch auf die korrekte Lage dieser Massengräber hinzuweisen,
erschien unverzichtbar. Lediglich auf das Verb „verscharrt“ wurde verzichtet und
durch „vergraben“ ersetzt.
Der erneute Versuch, geschichtliche Tatbestände zu verschleiern oder
abzuschwächen, konnte abgewehrt werden. Die Kaltenkirchener Stadtvertretung
übernahm einstimmig den Textvorschlag. Eine Beeinträchtigung des mittlerweile
guten Rufes der Stadt wollte man sich nicht leisten. Trotzdem zeigte der
Vorgang, dass selbst im neuen Jahrtausend jene Stimmen in der Stadt noch nicht
verstummt waren, die auf die Vergangenheit gerne die Decke der Beschönigung
legen würden.
Auch das peinliche Gerangel um die Zusatzinformationen für ein Straßenschild in
Bad Bramstedt, das an den Gründer der Rheumaklinik Oskar Alexander erinnern
sollte, zeigte die immer noch gepflegte Scheu davor, auf die unangenehmen
Tatsachen in der Vergangenheit schauen zu wollen. Dass Oskar Alexander Jude war
und im KZ-Sachsenhausen zu Tode kam, sollte als erläuternder Hinweis am
Straßenschild angebracht werden. Örtliche CDU-Vertreter wollten das verhindern,
freilich mit der unehrlichen Argumentation, dass solche Zusatzinformationen an
Straßenschildern „ungeeignet“ seien (Leserbrief in Segeberger Zeitung vom
19.3.96 durch CDU-Sprecher Claus Bornhöft). Schließlich konnte der Hinweis auf
den Todesort „KZ-Sachsenhausen“ durchgesetzt werden, aber dass Oskar Alexander
ins KZ kam, weil er Jude war, geht aus dem Schild, das am Ende aufgestellt
wurde, nicht hervor. FDP und CDU hatten es verhindert.
Die Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte für das Lager des KZ-Außenkommando
Kaltenkirchen in Springhirsch an der B 4 kann nicht in allen Einzelheiten
dargestellt werden, zu viel ist passiert, zu viele Gänge, Briefe, Gespräche,
Handlungen zur Geldbeschaffung und für Genehmigungen durch Behörden waren nötig,
zu viele Widerstände, Hemmnisse aber auch Unterstützungen und Hilfen hat es
gegeben, als dass eine vollständige Aufzählung sinnvoll und nicht verwirrend
wäre. Aber ein zusammenfassender Überblick, der einen Eindruck von dem
beispielhaften Engagement und dem nie nachlassenden Elan einiger weniger
vermittelt, ist möglich.
Man sagt, dass der Glaube Berge versetzen könne. Die Gedenkstätte entstand als
das notwendige und folgerichtige Ergebnis eines beharrlichen Willens, des seit
mehr als zwanzig Jahren glühenden Willens nämlich, für die Jugend und für die
breite Öffentlichkeit in der hiesigen Region den eigenen zeitgeschichtlichen
Hintergrund bewusst zu machen und wach zu halten. Angetrieben von der Sorge und
der Verantwortung, dass niemals wieder solches Unglück –hinter welcher Maske
auch immer- von deutschem Boden ausgehen möge, wurde in zäher Kleinarbeit und
mit hartnäckigem Beharren durch private Initiative die Gedenkstätte in
Springhirsch geschaffen.
Kaltenkirchen gilt heute als ein positives Beispiel für die Aufarbeitung der
regionalen Geschichte. In vielen anderen Städten und Gemeinden Deutschlands
steht eine solche Arbeit noch aus. Aber Kaltenkirchen ist nichts Besonderes. Es
hatte nur Glück. Es verdankte sein Glück der Leidenschaft eines Mannes, der
zufällig hier seine Wurzeln hatte.
Immer wieder zog es Gerhard Hoch und seine Frau Gesa auf Spaziergängen zu dem
Waldstück hin, wo nach seiner Kenntnis das Lager des KZ-Außenkommandos
Kaltenkirchen gewesen sein musste. An einem Spätherbsttag im Jahre 1994
spazierten beide erneut im Waldgelände herum, als gäbe es hier doch noch etwas
zu finden. Plötzlich gab an einer Stelle das Laub unter ihren Füßen gefährlich
nach. Mit bloßen Händen beseitigten sie Laubstreu und Geäst, und stießen
schließlich auf Beton. Offensichtlich waren sie am Nordrand des ehemaligen
KZ-Geländes auf Reste gestoßen.
Somit war zu erwarten, dass mit weiteren Ausgrabungen hier noch mehr Überreste
zu finden wären, visuelle Eindrücke, die sich für die Errichtung einer
Gedenkstätte an dieser Stelle hervorragend eignen würden.
Immer wieder besuchte Gerhard Hoch das Gelände, einmal sogar mit einer
Wünschelrutengängerin. Die meinte, ihre Wünschelrute schlüge ganz stark an
solchen Stellen aus, wo besonders schweres menschliches Leid gewesen sei.
Entlang der auf den britischen Luftaufnahmen von 1945 identifizierten
Nordbaracke schlug die Rute tatsächlich extrem aus.
Im Mai 1997 meldeten sich zwei junge Leute, eine Studentin und ein Student
aus Hamburg, die Bücher von G. Hoch gelesen hatten. Maren Grimm und Oliver
Gemballa begannen zusammen mit Gerhard Hoch intensiv und systematisch nach
Spuren des früheren Lagers zu suchen. Maren Grimm kannte den Grabungsexperten
Dietrich Alsdorf, dessen Interesse schnell geweckt wurde und der die drei bei
ihren Grabungen fachmännisch unterstützte.
Ausgehend von der Betonplatte wühlten und gruben mit Hacke und Schaufel Maren
Grimm, Oliver Gemballa und Gerhard Hoch, zeitweise unterstützt von Freunden aus
Kaltenkirchen und Hamburg, in der geschichtsträchtigen Erde. Die „Untere
Denkmalsschutzbehörde“ in Segeberg, die Standortverwaltung der Bundeswehr in
Neumünster, die Flughafengesellschaft Hamburg, das zuständige Forstamt wurden
informiert und ihre Zustimmung eingeholt. Den umfangreichen Schriftverkehr auch
mit anderen Stellen erledigte Gerhard Hoch. Dabei kamen ihm die Bekanntheit und
die vielen Kontakte zugute, die er wegen seiner Bücher hatte.
Die Ergebnisse der Suche waren mager. Offensichtlich waren die Fundamente der
Holzbaracken nicht durchgehend vorhanden. Ein Bagger musste her. Die Hoffnung
auf Hilfe durch die Firma Brockmann in Nützen zerschlug sich. Der Einsatz eines
Baggers würde den Initiatoren viel Geld kosten.
Inzwischen hatte Dr. H.-J. Häßler, Vorsitzender des Institutes für Friedens- und Konfliktforschung in Hannover, von dem Vorhaben erfahren. Er sagte einen Zuschuss von 1000 DM zu. Damit konnte ein Bagger gemietet werden. Der kam in Sommer 1997, von der Firma Brockmann für 800 DM mit Fahrer pro Arbeitstag gemietet, zum Einsatz. Sehr schnell stieß der Bagger auf Überreste der Wasch- und Latrinenbaracke, weil wegen des dort fehlenden Baumbestandes am Ostrand des Lagers gebaggert wurde. Die Arbeiten mit dem Bagger wurden aber bald abgebrochen, um die gefundenen Fundamente nicht zu zerstören. Mit kleinerem Gerät wurde später hier sorgfältig weitergearbeitet.
Inzwischen wurde ein Spendenkonto bei der Kreissparkasse Segeberg in
Kaltenkirchen eingerichtet.
Das Wissenschaftsministerium der Landesregierung wurde im September 1997 auf die
Arbeiten aufmerksam. Es bot finanzielle Unterstützung an. Im Dezember 1997 sagte
es 10 000 DM zu.
Die „Amical International de Neuengamme“, der Freundeskreis ehemaliger
Neuengammer Häftlinge, erfuhr von den Projekt.
Im Oktober 1997 stellte die Firma Rasch, Weddelbrook einen Frontlader gegen
Entgelt zur Verfügung. Der Erdaushub diente zur Anlage eines Walles entlang des
nördlichen Weges.
Im November 1997 vermaßen Fachleute aus Hamburg das Gelände auf der Grundlage
der britischen Luftfotos, so dass die Lage der ehemaligen Baracken und die
Splitterschutzgräben zugeordnet werden konnten.
Im November 1997 arbeiteten Maren Grimm und Oliver Gemballa mit einem
Minibagger, den sie für 100 DM pro Tag ausliehen. Damit konnten sie die
Latrinengrube vollständig entleeren. Seitdem waren die Fundamente der Baracke
mit Waschraum und die Latrinengrube freigelegt und sichtbar.
Im Dezember 1997 begrüßte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge das
Projekt und empfahl eine Firma zur Herstellung einer Informationstafel.
Im Januar 1997 begann das Bemühen, das Amt Kaltenkirchen Land zur Übernahme der
Trägerschaft zu bewegen. Sie scheiterten an der Mehrheit der politischen
Vertretung der Amtsgemeinden und an dem besonders ablehnenden Einfluss des
Amtsvorstehers und gleichzeitigen Bürgermeisters in Nützen, Brakel.
Im Sommer 1998 erfolgten weitere Arbeiten zum Ausbau der Gedenkstätte. Es ging
um die Sicherung der Fundamente, Erde musste bewegt, Kies geschüttet,
Maurerarbeiten ausgeführt, Unkraut gejätet, Begehungspfade angelegt und der Wall
entlang des Weges bepflanzt.
Die verdienten Initiatoren des Projektes, die Hamburger Studentin Maren Grimm
und der Hamburger Student Oliver Gemballa, zogen sich aus dem Projekt zurück. Zu
unterschiedlich waren die Vorstellungen der Großstädter über ein
Gedenkstättenkonzept, das für den ländlichen Raum taugen musste.
Bis zum Herbst 1998 erschienen viele Besucher auf dem Gelände, die für die
Förderung der Gedenkstätte wichtig waren, u.a. die Kultusministerin Gisela Böhrk
von der rot-grünen Landesregierung in Schleswig-Holstein. Zugegen war auch der
Amtsleiter des Amtes Kaltenkirchen Land. Frau Böhrk empfahl dem Amt
Kaltenkirchen Land, die Trägerschaft der Gedenkstätte zu übernehmen. Herr Brakel
lehnte ab.
Gerhard Hoch schrieb Briefe um Spenden an hiesige Firmen, an zuständige
Einrichtungen und Stiftungen und hatte Erfolg. Zum Beispiel spendete die
Deutsche Bank 5000 DM.
Nun, da schon so viel konkret und sichtbar auf den Weg gebracht worden war,
bekam das Unternehmen eine gewisse Eigendynamik des Erfolges.
Weitere Spenden gingen ein. Am 4.11.1998 überwies Prof. Dr. Philippe Reemtsma
5000 DM. Auch die AKN zeigte sich entgegenkommend, indem sie den Druck von
Infoblättern förderte. Die AKN hatte damals die Häftlingstransporte besorgt und
auch den Evakuierungstransport nach Wöbbelin im April 1945 durchgeführt, für den
sie noch nach dem Krieg eine Rechnung ausstellte. Diese Rechnung hatte Gerhard
Hoch im Zuge seiner Recherchen wiedergefunden.
Gerhard Hoch bemühte sich besonders um die Schulen in der Region. Sie sollten
eingeladen werden, Patenschaften für die Gedenkstätte zu übernehmen. Am 16. 11.
1998 trafen sich zum ersten Mal 16 Lehrerinnen und Lehrer in der Realschule am
Marschweg in Kaltenkirchen. Von diesem Zeitpunkt an begann eine äußerst
fruchtbare und für die spätere Pflege der Gedenkstätte enorm wichtige
Zusammenarbeit. Schon vorher hatten immer wieder Schülergruppen in Springhirsch
gearbeitet. Jetzt konnte man eine regelmäßige Betreuung der Gedenkstätte durch
Schüler verabreden. Die Lehrer zogen mit, weil sie froh darüber waren, endlich
Zeitgeschichte hautnah und handlungsorientiert ihren Schülern nahe bringen zu
können. Damit erfüllten sie eines der Hauptanliegen von Gerhard Hoch.
20 Schulen im Umkreis der Gedenkstätte haben sich zur Patenschaft in monatlichem
Wechsel bereiterklärt. Eine jede dieser Schulen verpflichtete sich damit, die
Pflege der Gedenkstätte für einen Monat zu übernehmen. Dabei ging es nicht nur
darum, mit Gartengerät, Hacke und Schaufel Müll zu beseitigen, Unkraut zu jäten,
Unterholz zu entfernen oder weiter nach historischen Resten zu graben, sondern
auch im Rahmen des Geschichtsunterrichtes handlungsorientiert Zeitgeschichte zu
erfahren. Bei solcherart pädagogischen Unternehmungen in Springhirsch ließ es
Gerhard Hoch sich nicht nehmen, anwesend zu sein und mit den Schülern zu
sprechen. Und intensiver als es die Lehrkräfte vermochten gelang es ihm die
Schüler zu interessieren. Er erschien ihnen wie der Großvater, der die
schreckliche Zeit des Nationalsozialismus selbst erlebt hat. Wie staunten sie,
wenn er erzählte, dass er selber als junger Mensch Nazi und in der Hitlerjugend
gewesen war. Von den Nazis hatten sie im Geschichtsunterricht gehört wie von
fremden Wesen einer fernen Galaxie. Zwar war dem einen oder anderen Schüler ein
Schauer über den Rücken gelaufen angesichts der ungeheuren Verbrechen im fernen
Ausschwitz, aber dass hier vor ihnen leibhaftig ein ehemaliger Nationalsozialist
stand und freimütig von der jüngsten Vergangenheit ihrer eigenen Heimat
berichtete, das fesselte sie. Das warf in ihnen Fragen auf, die sie, wie Gerhard
Hoch hoffte, zu Hause in ihren Familien stellen würden.
Durch eigenes Mittun und Arbeiten am Ort des damaligen Leidens und der
Unmenschlichkeit könnten Betroffenheit, Mitleiden und Neugier bei den jungen
Menschen geweckt werden, so hofften die Initiatoren. Die Schüler sollten die
Erfahrung gewinnen, „dass die schlimmsten Erscheinungsformen des
Nationalsozialismus nicht nur in fernen Gegenden zutage traten, sondern
gleichfalls in der engsten Heimat und mitten in der damaligen Gesellschaft unter
den Augen Tausender von Zeitgenossen“(G. Hoch: Bericht an die DGB-Jugend am
16.9.2002), also möglicherweise vor den Augen ihrer Groß- und Urgroßeltern.
Im Herbst 1998 ließ Jürgen Fock von Realschülern ein Modell des früheren
KZ-Außenkommandos anfertigen. Als Grundlage dienten den Schülern die britischen
Luftaufnahmen von Frühjahr 1945. Das Ergebnis der Schülerarbeit war sehr
beeindruckend. Später bestätigten ehemalige Häftlinge des Lagers die
Wirklichkeitsnähe des Modells.
Im Februar 1999 formierte sich eine „Arbeitsgruppe KZ Kaltenkirchen“, die,
wie hätte es anders sein können, Gerhard Hoch um sich versammelt und ins Leben
gerufen hatte. Dem Kreis der ständigen Mitarbeiter gehörten folgende Personen
an:
Claudia Mennel, Jürgen Fock, Georg Stock, Wolfgang Raabe, Bernhard Müller und
Bernd Gerken.
Sie trieben die weitere Ausgestaltung der Gedenkstätte voran. Es ging um die
Textgestaltung einer Informationstafel, um eine dauerhafte Markierung der
ehemaligen Gebäude des Lagers, die die Größe und Lage der Baracken für die
Besucher sichtbar machen sollte, und um das Modell einer Trägerschaft, damit für
die Zukunft die Gedenkstätte gesichert werden konnte.
Nachdem das Amt Kaltenkirchen Land die Übernahme einer Trägerschaft abgelehnt
hatte, wandte sich die Arbeitsgruppe an die Stadt Kaltenkirchen. Zwar war auch
sie nicht bereit, eine alleinige Trägerschaft zu übernehmen, aber sie half das
Modell einer Trägerschaft zu entwickeln, welche die erinnernde, mahnende und
pädagogische Funktion der Gedenkstätte sichern konnte.
So gründete sich am 5. Juli 1999 mit Hilfe der Stadt der „Trägerverein für die
KZ-Gedenkstätte Springhirsch“. Ihm traten sofort die Gemeinden Kaltenkirchen,
Alveslohe, Barmstedt, Kisdorf, Hasenmoor und der Kreis Segeberg als Mitglieder
bei. Bad Bramstedt und Lentföhrden erklärten ihre Bereitschaft alsbald
einzutreten. Der Mitgliedsbeitrag wurde auf bescheidene 12,- DM für
Privatpersonen und auf 50,- DM für Gemeinden und Firmen festgelegt. Schon auf
der Gründungsversammlung trugen sich 28 Personen neben den genannten Kommunen
ein.
Am gleichen Abend wurde der Vorstand des Trägervereins gewählt, der bis heute
besteht. Gerhard Hoch übertrug man den Vorsitz. Sein Stellvertreter Jürgen Fock,
Kassiererin Claudia Mennel, Schriftführerin Uta Körby und die Beisitzer Jürgen
Wiese, Wolfgang Raabe, Hans-Joachim Wolfram und Bernhard Müller übernahmen mit
ihm die Aufgabe, die Gedenkstätte zu einem Ort des Erinnerns, Lernens und
Mahnens auszubauen.
Am 3. April 2000 erhielt Gerhard Hoch in Berlin den mit 25 000 DM dotierten
Marion-Samuel-Preis. Diese große Ehrung wurde ihm zuteil wegen seines
fünfundzwanzigjährigen unermüdlichen Wirkens um die Aufarbeitung der
nationalsozialistischen Vergangenheit in seiner Heimatregion. Unter der
Schirmherrschaft der Vereinigung „Gegen das Vergessen – Für Demokratie“ war der
Marion-Samuel-Preis der Stiftung Erinnerung zum zweiten Mal vergeben worden. Das
war eine weitere besonders ehrenvolle Anerkennung seiner Arbeit, nachdem ihm
vier Jahre zuvor die Ehren-Nadel des Landes Schleswig-Holstein verliehen worden
war. Das Geld nun, den hohen Betrag von 25 000 DM, für den Ausbau der
Gedenkstätte Springhirsch einzusetzen, war sein erster Gedanke. „Damit können
wir ein kleines Gebäude für eine Dauerausstellung und einen Gruppenraum
realisieren“ zitierte ihn die Barmstedter Zeitung am 30. März 2000.
Aber der Traum von einem kleinen Dokumentenhaus und einer Tagungsstätte ließ
sich auch ohne den vollständigen Einsatz des Preisgeldes verwirklichen, weil die
Spendenbereitschaft von Firmen und Einrichtungen für solche Projekte inzwischen
gewachsen war. Ein Jahr später nämlich wurde ein ansehnlicher Bürocontainer vor
Ort zusammengesetzt und dort auf solide Fundamente gestellt. Der Container wurde
von der Hamburger sozialen Einrichtung „Beschäftigung und Bildung e.V.
Betriebsstätte Metallbau Finkenwerder“ besonders preisgünstig überlassen. Den
Transport zur Gedenkstätte finanzierten die Kreissparkassen Segeberg und
Pinneberg, ebenso einen Teil der Inneneinrichtung. Tische und Stühle spendete
die Firma „dodenhof Kaltenkirchen“. Die Schleswag verlegte kostenlos ein
Stromkabel zum Dokumentenhaus.
Damit hatte der Ausbau der Gedenkstätte einen gewaltigen Schritt nach vorne
getan. Dokumentenhaus mit Tagungsraum! Dass sich ein solcher Traum bald
verwirklichen könnte, daran hatte zuvor kaum jemand geglaubt.
Seit dem April 2002 wird das Dokumentenhaus sonntags von 11 Uhr bis 17 Uhr für
das Publikum geöffnet. Tafeln einer Ausstellung, die im Sommer 2001 zum Anlass
der 700-Jahrfeier Kaltenkirchens gezeigt worden waren, umfangreiches
Schriftenmaterial und Bücher aus dem Schaffen von G. Hoch, Dokumente und wenige
Fundstücke stehen hier seitdem einem breiten Publikum zur Verfügung. Die
provisorische Plakatausstellung soll im Dezember 2002 durch eine professionell
gestaltete Ausstellung ersetzt werden. Die Texte dafür formulierte Gerhard Hoch.
Auch Fotos und Dokumente lieferte er aus seinem umfangreichen Materialfundus.
Im Frühjahr 2000 entstanden die beiden großen Gedenktafeln, die seitdem durch
ihre Größe die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich lenken. Das eine ansehnliche
Schild gibt einen übersichtlichen Lageplan des ehemaligen KZ-Außenkommando
Kaltenkirchen nach einem Luftfoto der Royal Air Force vom 25.12.44 wider. Das
andere ebenso große, sicher und fest installierte Schild stellt den Besuchern
die Geschichte und Bedeutung des damaligen Lagers in einem Text eindrucksvoll
dar. Den Text hatte Gerhard Hoch verfasst.
Der Text spricht u.a. vom der „hohe(n) Todesrate“ der KZ-Häftlinge, verursacht
durch „rücksichtslosen Arbeitseinsatz, mangelhafter Ernährung, unzureichender
Kleidung, fehlender medizinischer Versorgung, Erniedrigungen, Schläge und auch
Morde“. Im Text heißt es dann weiter, dass viele Tote im Flughafengelände
„verscharrt“ worden sind. Diesmal hatte sich niemand an dem Begriff „verscharrt“
gestoßen, wie noch einige Jahre zuvor. Einerseits mag das Ansehen und die
Anerkennung der Arbeit von Gerhard Hoch, die er inzwischen vielfach erfahren
hatte, eine Rolle gespielt haben, andererseits die mittlerweile gereifte Zeit
für ehrliches Erinnern und Gedenken.
Eine weitere enorme Aufwertung erfuhr die Gedenkstätte mit der künstlerischen
Gestaltung durch den Bildhauer Ingo Warncke. Er setzte ansehnliche Stelen aus
Stein fest auf solides Fundament. Verteilt über das Gedenkstättengelände
benennen sie jeweils die Funktion der Baracken bzw. der Barackenteile. Besonders
beeindruckt der Drehstein, auf dem der letzte Abschnitt des Gedichtes von Stephan
Hermlin „Asche von Birkenau“ spiralförmig von oben nach unten aufgetragen ist.
Um den Text lesen zu können, muss der Besucher entweder im Kreis um die Säule
herumlaufen oder den Stein drehen. Die äußere Bewegung, so dachte sich der
Künstler, möge der inneren Bewegung des Besuchers entsprechen.
Drei weitere Gedenksteine, der Küchenstein, der Bunkerstein und der Sargstein,
komplettieren die künstlerische Gestaltung der Gedenkstätte. Die Europäische
Kommission in Brüssel und das Bildungsministerium finanzierten die steinerne
Kunst mit einem namhaften Betrag.
Weitere Grabungsarbeiten auf dem Gedenkstättengelände, vornehmlich am Ort der
Splitterschutzgräben, sollen als Projektaufgabe Gymnasien vorgeschlagen werden.
Auf diese Weise könnte die konkrete und „handgreifliche“ Begegnung mit der
Zeitgeschichte der engeren Heimat für die Schüler intensiviert werden. Außerdem
hofft man auf neue Funde, die das Wissen über das KZ-Gefangenenlager ergänzen.
Die erhaltenden und pflegenden Arbeiten der Patenschulen sind davon nicht
berührt und werden mit verbesserter Koordinierung fortgeführt.
In einer groß angelegten öffentlichen Präsentation soll die neue Ausstellung der
Öffentlichkeit vorgestellt werden. Das könnte im Dezember 2002 soweit sein.
Weiterhin sollen öffentliche Veranstaltungen das Erinnern und Gedenken fördern.
Zum Beispiel denkt man daran, am Volkstrauertag Windlichter auf die Gräber in
Moorkaten auszubringen, für jeden Verstorbenen ein Windlicht in der
Novembernacht.
Die Namen und Daten der Toten des Lagers sollen, soweit sie bekannt sind, auf
Tafeln – vielleicht aus Stein – oder auf runden Flusssteinen festgehalten und
ausgelegt werden. Gestaltung und Anordnung sollen Schüler übernehmen.
Die Anlage soll durch einen ansehnlichen Zaun und durch das Auslegen von
Gehwegplatten verbessert werden.
Man ist auf der Suche nach einem Logo für den Trägerverein.
Es hat lange gedauert, bis das Ziel erreicht war, eine Gedenkstätte
einzurichten. Mehr als fünfundzwanzig Jahre intensive Forschungsarbeit durch
Gerhard Hoch waren die Voraussetzungen dafür, dass heute eine Gedenkstätte an
der Stelle existiert, wo sich das Leiden von KZ-Häftlingen vieler Nationen und
russischer Kriegsgefangenen konzentrierte. Und wenn es nach den Vorstellungen
früherer Generationen in Kaltenkirchen und Umgebung gegangen wäre, würde heute
noch der Wald des Vergessens die Stelle überwachsen.
Nur der Beharrlichkeit, der Hartnäckigkeit und dem unermüdlichen Engagement von
Gerhard Hoch hat es Kaltenkirchen zu verdanken, dass es sich mit dieser
Gedenkstätte bundesweit und in Ausland einen Namen machen konnte. Gerhard Hoch
hatte die Erkenntnis angetrieben, dass Menschen sich erinnern müssen, dass sie
sich mit der Zeitgeschichte ihrer engsten Heimat auseinandersetzen müssen, um
heute wach und sensibel für jede Form von Intoleranz und Menschenverachtung sein
zu können.
Was hatte er in Kaltenkirchen anfangs vorgefunden? Vergessenwollen, Angst vor
„Nestbeschmutzung“, Spuren alten unseligen Denkens, und ein eisiges Schweigen,
das sich wie Reif über alles legte und die Herzen verschloss. Niemandem, der
damals lebte, als das Lager in Springhirsch existierte, konnte verborgen
geblieben sein, was sich dort ereignete. Zu oft waren die Elendszüge der
KZ-Häftlinge auf ihren Straßen und an ihren Häusern vorbeigekommen, zu sehr
waren hiesige Firmen, Mitarbeiter und Geschäfte an dem Flugplatzausbau unter dem
Motto „Vernichtung durch Arbeit“ beteiligt. Aber im Nachkriegs-Kaltenkirchen
wurde die eigene grausige Geschichte unter den Teppich gekehrt, bis 1975 Gerhard
Hoch anfing, den Teppich zu lüften.
Wie verheerend sich in Familien die Ausgrenzung, das Leid oder der gewaltsame
Tod von Familienangehörigen auswirken, wenn der Vorgang tabuisiert und die
Trauerarbeit verweigert wird, das hat der Therapeut und frühere katholische
Priester Bernd Hellinger mit seinem „Familienstellen“ nachgewiesen. Um die
krankmachende Wirkung abzustellen, wird durch das Aufstellen der
Familienangehörigen nach der inneren Vorstellung eines Betroffenen der
verschwiegene Vorgang und die Tabuisierung aufgedeckt und durch Wahrnehmen und
Erinnern der verschütteten Ereignisse werden Trauer und Schmerz wachgerufen.
Erst nach der Enthüllung der tabuisierten Vorkommnisse kann daran gearbeitet
werden. Durch Trauer und Schmerz, durch Anerkennung und Beachtung der Leiden von
Ausgegrenzten und Verleugneten bis hin zur Verneigung vor deren Schicksal,
geschieht Heilung in den betroffenen Familien, wo vorher Gefühlskälte, Hass,
Sucht- oder Krebskrankheiten herrschten. Die Betroffenen erhalten ihre Freiheit
zurück, sie können sich zur Liebe, zur Achtung, zu menschlichem Umgang mit sich
und anderen entscheiden. Der geworfene Stein verwandelt sich in der Luft zu
einem Vogel, der selbst entscheidet, wohin er fliegt.
Das funktioniert selbst Tätern, Mitläufern oder Hilfeverweigerern der Nazizeit
gegenüber. Es wird mit verstehenwollendem, klarem, ja sogar liebevollem Blick
auf sie gesehen, der zwar ihre Verstrickungen und Taten schonungslos aufgedeckt,
aber nicht verurteilt, nicht negativ wertet oder dämonisiert. Dann passiert
nicht das, was der Sozialpsychologe Harald Welzer befürchtet, der gesagt hat:
„Auf ein negatives Ursprungsereignis hin kann man keine positive Identität
ausbilden“(In: FR vom 27.9.2002). Die positive Identitätsausbildung bleibt
möglich.
Eine Gesellschaft - wie die unsrige mit dieser Vergangenheit – braucht die
Erinnerung an das Gewesene und nicht seine Tabuisierung oder Dämonisierung, wenn
Mitmenschlichkeit, Achtung voreinander und Integration des Fremden gelingen
sollen. Hält sie die Erinnerungen nicht wach, dann ist es nicht verwunderlich,
wenn sich Neonazismus, Ausländerhass und Rücksichtslosigkeit ausbreiten.
Die KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch bindet Kommunen,
Kirchengemeinden, Schulen, Parteien und Privatpersonen im Umland an die
Verpflichtung, sensibel, wach und aufbegehrend zu reagieren, wenn sich
menschenverachtende Tendenzen in der Umgebung zeigen sollten. Somit leistet die
Gedenkstätte einen Beitrag zur Weiterentwicklung einer humanen Gesellschaft, in
der alle Menschen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, sicher und geschützt
leben können.
Auf einen interessanten Einwand soll hier am Schluss eingegangen werden. Der
oben erwähnte Sozialpsychologe Harald Welzer hat in derselben Ausgabe der FR in
einem Interview angemerkt: „An der Stelle, wo es eine bestimmte Sättigung an
Mahnmalen gibt, ist der ganze Vorgang musealisiert. Dann muss der Anlass des
Gedenkens nicht mehr zur Kenntnis genommen werden. Wenn also etwas zum Denkmal
geworden ist, dann ist es eigentlich auf der vitalen Ebene erledigt.“
Solcher Gefahr kann damit begegnet werden, dass in unserer Gedenkstätte die
Originalfunde, also die ausgegrabenen Fundamente und Reste das Herzstück der
Gedenkstätte bleiben müssen. Die Begegnung mit dem Original werden die Menschen
auf ihrer „vitalen Ebene“ bewegen. Außerdem sollen nicht das „museale“ Gedenken,
sondern die Informationen über das Leben, Arbeiten und Sterben im ehemaligen
Schreckenslager im Mittelpunkt stehen. Wenn ohne erhobenen moralischen und
mahnenden Zeigefinger über das Vergangene informiert wird – dies freilich
deutlich und schonungslos –, dann wird sich der Besucher der Wucht der damaligen
Ereignisse nicht entziehen können.