I.Einleitende Bemerkungen:
II.Informationsteil:
1. Weitere Informationsquellen
2. Das KZ-Außenkommando Kaltenkirchen
3. Der Lageralltag
4. Zivilcourage
5. Otto Freyer
6. Briefwechsel zwischen Gerhard Hoch und Gerhard Freyer, dem Sohn Otto Freyers
III. Aufgaben für die Schüler
1.Die Informationen nutzen.
2.Aufgaben und Fragen
a. Zum Foto:
b. Zum Brief G. Hochs an den Sohn des ehemaligen Lagerführers G. Freyer:
c. Zur eidesstattlichen Erklärung von Josef Deindl:
d. Zum Waiblinger Spruchkammerbeschluss:
e. Zum Antwortschreiben des Sohnes Gerhard Freyer:
f. Zu den früheren Briefen des Sohnes:
g. Allgemeine Aufgaben:
VI. Schlussbemerkung
Die Schüler sollen am Beispiel des Lagerführers Otto Freyer, der vom Spätsommer 1944 bis zum Januar 1945 das KZ-Außenkommando Kaltenkirchen leitete, erfahren, wie Anpassung und Risikoscheu in Zeiten öffentlichen Unrechts zu persönlicher Schuld und zur Verstrickung in die Verbrechen wider die Menschlichkeit führen. In der Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit Otto Freyers, der ein unauffälliger Offizier und ein Bürger des „Dritten Reiches“ war wie Millionen andere auch, sollen die Schüler lernen, dass verantwortliches und anteilnehmendes Verhalten ohne Wegschauen auch unter unangenehmen und schwierigen Umständen geboten und aus humanitären Gründen zu verlangen ist. Damit bekommen die Schüler einen Begriff von der Schuld des Unterlassens und Wegschauens, was auch heute für sie noch aktuell und für ihr Leben wichtig ist. Wer zum Beispiel wegschaut, wenn er Zeuge einer Gewalttat auf der Straße wird, weil er Angst hat und Unannehmlichkeiten befürchtet, der macht sich mitschuldig. Unsere Schüler sind solchen und vergleichbaren Geschehnissen in der Umgebung oft genug ausgesetzt. Der unten vorgeschlagene Unterricht will den Schülern die Werte Mitmenschlichkeit und Anteilnahme nahe bringen und sie dazu herausfordern, dafür Mut, Engagement und Risikobereitschaft einzusetzen. Außerdem ist das zur Verfügung gestellte Material geeignet, die Schüler zu einer kritischen Haltung gegenüber Zeitzeugen und zu einer kritischen Bewertung von Quellentexten zu erziehen.
Der Trägerverein KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch e.V. hat einen reich bebilderten Ausstellungskatalog herausgegeben, der über die zeitgeschichtlichen Hintergründe und über die Zustände im KZ-Außenkommando Kaltenkirchen für Lehrer und Schüler umfassend Auskunft gibt. Er eignet sich wegen seiner Anschaulichkeit und Übersichtlichkeit für den Einsatz im Unterricht. Für eine Schutzgebühr von 4 Euro ist er bei Gerhard Hoch, Buchenstraße 2, 25486 Alveslohe oder in der Kaltenkirchener Buchhandlung Fieland, Holstenstraße 32, 24568 Kaltenkirchen zu beziehen. Außerdem können aus dem Internet unter der Adresse www.kz-kaltenkirchen.de weitere Informationen eingesehen und heruntergeladen werden.
Im Jahre 1938 begann der Ausbau eines Militärflugplatzes auf einem Gelände
westlich von Kaltenkirchen und östlich der Reichsstraße 4. In unmittelbarer Nähe
der Reichsstraße 4 entstanden viele Holzbaracken der Luftwaffe als Unterkünfte
für Soldaten. Als 1944, also in der Schlussphase des verlorenen Zweiten
Weltkrieges, erste Jagdflugzeuge mit Düsenantrieb aufkamen, musste die Start-
und Landebahn verlängert werden. Es fielen also umfangreiche Arbeiten an, die
von Firmen aus Kaltenkirchen und Umgebung ausgeführt wurden. Wegen des
kriegsbedingten Arbeitermangels kam die Luftwaffenführung auf die Idee, wie
überall in Deutschland üblich, KZ-Häftlinge als billige und ausbeutbare
Arbeitskräfte anzufordern. Zur Unterkunft für diese KZ-Häftlinge wurden einige
Baracken im nördlichen Teil freigemacht, fluchtsicher eingezäunt und Wachtürme
errichtet. In dieses so entstandene Arbeitslager wurden im Spätsommer 1944 ca.
500 KZ-Häftlinge aus dem KZ-Neuengamme verlegt. Sie kamen in Güterwagons auf der
Trasse der AKN nach Kaltenkirchen, auf ihrer zweitägigen Reise schlecht oder gar
nicht versorgt und mussten den Rest, ca. 7 bis 8 km, zum Lager zu Fuß
zurücklegen.
Die Häftlinge stammten aus vielen europäischen Ländern. Die meisten waren
Russen, Polen und Franzosen. Es handelte sich um Kriegsgefangene oder um
Internierte, die aus vielerlei Gründen in den besetzten Gebieten gefangen
genommen und im KZ- Neuengamme festgesetzt worden waren. Auch einige wenige
langjährige deutsche KZ-Häftlinge waren unter ihnen.
Auch im KZ-Außenkommando Kaltenkirchen galt das Prinzip „Vernichtung durch
Arbeit“ wie in allen solchen Lagern der SS. Die Lagerführung oblag zwei bis drei
SS-Angehörigen, während die 85-köpfige Wachmannschaft von der Luftwaffe gestellt
wurde und aus älteren, nicht fronttauglichen Soldaten bestand. Der Alltag war
geprägt durch schlechte Hygiene, durch mangelhafte Ernährung, durch
unzureichende medizinische Versorgung, durch tägliches Strammstehen im oft
stundenlangen Zählappell bei Nässe und Kälte, durch ungeeignete und verschmutzte
Kleidung, durch Demütigungen, Schlägen, Fußtritten, Strafgymnastik und
Essensentzug. Die schweren Arbeiten draußen an der Start- und Landebahn unter
Aufsicht örtlicher privater Firmen, die Fußmärsche dorthin und zurück in
stoffüberzogenen Holzpantinen bei Regen, Schnee und Kälte taten das Übrige, um
die Häftlinge physisch und psychisch zugrunde zu richten. Die unterwegs
gestorbenen Kameraden mussten die Häftlinge ins Lager zurücktragen. Und weil sie
so geschwächt waren, zogen sie sie oft über den Boden hinter sich her.
Somit war die Todesrate im Lager sehr hoch. Die „Abgänge“ wurden bis zum
Frühjahr 1945 immer wieder durch Neuzuführungen aus Neuengamme aufgefüllt. Heute
können wir 240 im Lager verstorbene Häftlinge namentlich feststellen, besonders
die Namen von Franzosen. Weil aber die Todesrate unter den Russen und Polen, die
nicht namentlich bekannt sind, noch höher gelegen haben dürfte, denn als
„Untermenschen“ galt ihr Leben weniger, geht man heute von etwa 700 Toten
zwischen September 1944 und April 1945 im Lagers aus.
Die täglich anfallenden Leichen wurden entkleidet und am Nordrand der Latrine
abgelegt. Jeweils morgens wurden sie vom Beerdigungskommando in einen
zweirädrigen Karren verladen und zu Massengräbern abgefahren. Nur eines dieser
Massengräber ist heute bekannt und inzwischen würdig als Gräberstätte gestaltet.
Die anderen Stätten auf dem heutigen Truppenübungsgelände der Bundeswehr harren
noch ihrer Entdeckung.
Die schlimmen Zustände dürften im Lager selber niemandem – auch dem Lagerführer nicht - verborgen geblieben sein. Selbst in der Umgebung, in der gegenüberliegenden Wald- und Gartenstadt Springhirsch, wo viele Hamburger in ihren Sommerhäusern Schutz vor den alliierten Bomben gefunden hatte, war die Not und das Elend der geschundenen Häftlinge wahrzunehmen. Denn der morgendliche Abmarsch zur Arbeit und die abendliche Ankunft der Häftlinge mit den mitgeschleiften Toten geschah vor aller Augen. Zwei Frauen, Else Stapel und Hertha Petersen, beide Bewohnerinnen der Wald- und Gartenstadt, riskierten Kopf und Kragen, als sie Häftlingen verbotenerweise Nahrungsmittel zukommen ließen. Nach einer verheerenden Bombennacht im April 1945, die einige Häftlinge zur Flucht nutzten, verbarg Hertha Petersen die Flüchtigen vor ihren Häschern in ihrem Hause und riskierte damit ihr Leben. Bis zum Eintreffen der Engländer konnten sich so die flüchtigen Häftlinge verbergen. Sie wurden befreit und überlebten, während viele ihrer Mithäftlinge noch sterben mussten. 576 Häftlinge wurden am 16. April 1945 in Güterwagons verladen und nach Wöbbelin in Mecklenburg, einem noch schrecklicheren Lager als es Kaltenkirchen war, gebracht. Diese Evakuierung und das neue Lager in Wöbbelin bedeutete für unzählige Gefangene noch in den letzten Kriegswochen den Tod.
Lagerführer war der SS-Hauptsturmführer Otto Freyer, im zivilen Leben ein
Kaufmann aus Stuttgart. Er war als Hauptmann der Wehrmacht zur SS abkommandiert
worden, als diese wegen Personalmangels bei der Wehrmacht um eine entsprechende
Unterstützung nachgesucht hatten. Wie von ihm genannte Zeugen nach dem Kriege
aussagten, soll sich Otto Freyer nur widerstrebend dieser Abkommandierung gefügt
– aber eben gefügt - haben.
Aus einer anderen eidesstattlichen Erklärung seines Wehrmachtsvorgesetzten Josef
Deindl geht hervor, dass Otto Freyer darüber unsicher gewesen sei, ob er die
SS-Uniform tragen solle oder nicht. Denn schließlich sei er ja zur SS nur
abkommandiert worden und deshalb weiterhin ein Angehöriger der Deutschen
Wehrmacht. Er, Deindl, habe ihm geraten, die SS-Uniform zur Tarnung gegenüber
den Häftlingen zu tragen und die Wehrmachtsuniform auszuziehen, denn „nach
seinem Bericht sei das Kommando alles weniger als ehrenvoll“, so würde wenigsten
„unsere geachtete Wehrmachtsuniform“ nicht in „Misskredit“ geraten.
(Eidesstattliche Erklärung von Josef Deindl, Schwarzach, 13.6.48)
Bis zum Januar 1945 leitete er das KZ-Außenkommando Kaltenkirchen, bis er
endlich nach langem Drängeln aus der SS entlassen und wieder zurück zu seiner
Einheit in seine Heimat geschickt wurde. Von den unwürdigen Zuständen und dem
Leiden der Häftlinge auch während seiner Lagerleitung war in dem Waiblinger
Spruchkammerbeschluss vom 11. August 1948 nichts zu lesen. Dort hieß es u.a.
lediglich: Otto Freyer „wurde zu einer SS-Bewachungseinheit nach Neuengamme
abkommandiert. Dort musste er nach einiger Zeit, zur Tarnung den Lagerinsassen
gegenüber, die Uniform eines SS-Hauptsturmführers tragen. Nachdem F. auch
weiterhin versucht hatte, von dieser SS-Einheit wieder loszukommen, gelang es
ihm schließlich im Januar 1945 zu seiner früheren Wehrmachtseinheit wieder
zurückzukehren, bei welcher er bis Kriegsende verblieb.....F. war somit nicht
Angehöriger der SS und fällt auf Grund seiner Abkommandierung nicht in die
Personengruppe....“, die sich im Sinne des Nürnberger Urteils schuldig gemacht
habe. Zum Schluss heißt es dann: „Da eine Verantwortlichkeit des F. nicht
nachgewiesen ist und er auch nicht zur Gruppe der Mitläufer gehört, ist das
Verfahren einzustellen,...“
Von überlebenden Häftlingen weiß man, dass der Lagerführer Freyer unauffällig
gewesen und nie bei grausamen Handlungen gegenüber Häftlingen beobachtet worden
war. Auch von Frau Petersen war nach dem Kriege nichts Nachteiliges über Freyer
zu hören gewesen. Vielmehr hatte die Springhirscherin erzählt, dass sich der
Lagerführer manchmal bei ihr über die Lagerzustände „ausgeweint“ habe. Trotzdem
gibt es auch keinerlei Hinweise darauf, dass Otto Freyer aktiv im Lager
durchgegriffen hätte, um das Los der Häftlinge zu mildern.
Im November 2002 schrieb der Historiker Gerhard Hoch an den Sohn des ehemaligen
Lagerführers. Im Folgenden soll ein kleiner Auszug daraus zitiert werden:
„...Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg hat uns mehrere Listen mit Namen
und Daten von Häftlingen zugänglich gemacht, die im Außenkommando Kaltenkirchen
umgekommen sind. Das sind insgesamt 240 Menschen. Lege ich alle verfügbaren
Quellen, insbesondere schriftliche und mündliche Aussagen damaliger
Funktionshäftlinge, zugrunde, komme ich auf eine Gesamtzahl von etwa 700
Toten.... Der größte Teil dieser Todesfälle fiel in die Amtszeit Ihres Vaters.
Das wiegt schwer....Ich suche nun eine neue Bewertung. Vielleicht können Sie mir
dabei helfen.....Ihr Vater war Lagerführer vom Spätsommer 1944 bis März 1945 und
für alle Vorgänge, die das Lager und die Häftlinge betrafen, persönlich
verantwortlich. Häftlinge bezeugen, dass Ihr Vater nie geschlagen hat. Sie
beschreiben ihn als – im Vergleich zu seinem Nachfolger – menschlichen
Offizier.... Dem gegenüber verlangt die hohe Totenzahl als Resultat grausamer
Zustände im Lager eine Neubewertung der Verantwortlichkeit Ihres Vaters.... Das
Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“ wurde auch in diesem Lager verfolgt. Wie
passt das in das Persönlichkeitsbild Ihres Vaters? ....“
Zum Abschluss schrieb Gerhard Hoch: „Ihr Vater ging, wie Sie schrieben, mit
äußerstem Widerwillen nach Neuengamme und nach Kaltenkirchen. Seine Natur- ich
glaubte immer, sie in seinem Antlitz erkennen zu können (Foto Otto Freyer liegt
vor) – war eher weich als hart; ....Um sich selber zu schützen, versuchte er
alles, was gegen diese Natur aufstand, zu meiden. Dies tat er freilich nicht mit
der erforderlichen Kraft. Er hätte von Anfang an Nein sagen können, ohne sich
selber in existenzielle Gefahr zu bringen..... Wissen Sie nicht doch, warum er
die Uniform der Wehrmacht mit der der SS tauschte?“
Gerhard Freyer antwortete am 29.11.2002. Hier einige Auszüge daraus:
„Die Frage, warum mein Vater die Uniform der Wehrmacht mit der Uniform der SS
tauschte, ist einfach zu beantworten: Weil er musste. Bekanntermaßen wurden die
Konzentrationslager nicht von der Wehrmacht, sondern von der SS geleitet. Als es
diesbezüglich 1944 an SS-Offizieren mangelte, setzte man Wehrmachts-Offiziere
ein, die, um die Form zu wahren, SS-Uniform tragen mussten. Mein Vater wurde
schlicht und einfach abkommandiert....
Die Frage nach der Verantwortung für die Zustände im Lager stand nach dem Krieg
bei vielen Gesprächen .... zur Debatte. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich
an 2 Episoden, die mein Vater erzählte:
1.) Da die Häftlinge im Winter in zugigen Hallen Tarnnetze knüpfen mussten,
setzte sich mein Vater dafür ein, dass dies in geheizten Räumen stattfinden
müsste,... Er wurde daraufhin in Neuengamme von höchster Stelle dahingehend
belehrt, dass er anscheinend immer noch nicht den Sinn und Zweck eines
Konzentrationslagers kapiert hätte.
2.) Als mein Vater einem SS-Mann, der bei der Behandlung der Häftlinge
(vorsichtig ausgedrückt) über die Stränge geschlagen hatte, mit einer
Dienstaufsichtsbeschwerde drohte, meinte dieser, etwas besseres könne ihm gar
nicht passieren, denn dann würde er schneller befördert.
Man sieht hieraus, dass die Frage der Verantwortung rein theoretisch begründet
war, aber in der Praxis keine Rolle spielte....Es ist möglich, dass es noch mehr
Episoden als die oben geschilderten gab. Wenn sie ein „Nein“ meines Vaters
bedeuten, dann hat er damit nichts bewirkt, das System hat das „Nein“ einfach
nicht zur Kenntnis genommen. Die Karawane zog weiter...“
In einem weiteren Brief am 15.12.02 ergänzte Gerhard Freyer. Hier ein kurzer
Auszug:
„Wenn man als Wehrmachts-Offizier zur SS kommandiert wird, hatte man zwei
Möglichkeiten: Entweder man passt sich den SS-Gepflogenheiten an oder man passt
sich nicht an. Wenn man sich nicht anpasst, so ist zu berücksichtigen, dass man
einer Wachmannschaft vorsteht, die hinter den Kulissen einen direkten heißen
Draht nach Neuengamme und von dort in jedem Fall volle Rückendeckung hatte....“
Schon 1976 hatte Gerhard Hoch mit dem Sohn des ehemaligen Lagerführers
korrespondiert. Damals in einem Brief vom 28. 3. 1976 hatte der Sohn folgendes
mitgeteilt:
„...Auf die Frage, ob es ihm in Neuengamme nicht gefallen würde, sagte mein
Vater, er sei für das Leben in Neuengamme zu weich. Die Folge war, dass mein
Vater eine Woche lang das Exekutions-Kommando übernehmen musste, d.h., er musste
als Offizier den Hinrichtungen beiwohnen und protokollieren, dass die Gehängten
tatsächlich tot waren. Und dann wurde mein Vater wieder zu Pauly (Kommandant von
Neuengamme) befohlen, der ihn fragte, ob er nun härter geworden sei. Nein,
antwortete mein Vater...“ So sei er mit dem Kommando in Kaltenkirchen betraut
worden, schloss Gerhard Freyer seinen Brief.
Nun muss natürlich festgestellt werden, dass Otto Freyer seine Aufgabe, als
Protokollant bei grausamen Hinrichtungen tätig zu sein, nicht verweigert,
sondern offenbar treulich erfüllt hat. So macht der Vorgang besonders
nachdenklich, wenn der Sohn in einem späteren Brief vom 3. 8. 2000 wie folgt
anmerkt: „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, unseren
Nachkriegsgenerationen klar zu machen, was in einer Diktatur geschieht ...und
wie hilflos ein „normaler“ Mensch einer derartigen Maschinerie
gegenübersteht...“ Die Frage stellt sich allerdings, ob es „normal“ ist und den
„normalen“ Menschen auszeichnet, wenn er sich der Anordnung, Protokollant bei
Hinrichtungen und Lagerführer eines KZ-Außenkommandos zu sein, fügt.
Die Schüler werden angehalten, sich selbständig oder mit Hilfe des Lehrers
gründlich über das KZ-Außenkommando Kaltenkirchen und die Zustände in diesem
Lager zu informieren. Erst danach sollen sich die Schüler mit der Persönlichkeit
Otto Freyers auseinandersetzen. Auch hier gilt es zunächst sich vorurteilsfrei
und sachlich über alle Aspekte zu informieren, bevor die Schüler in eine
Diskussion über die Bewertung der Verantwortung des Lagerführers eintreten.
Ausgangspunkt für die spätere Diskussion kann das Foto sein, das den Lagerführer
in einer SS-Uniform zeigt. Sie ist nur an den aufgedruckten Totenköpfen als
SS-Uniform von der der Wehrmacht zu unterscheiden. Zu beachten ist auch, dass es
sich um ein Foto handelt, das der Sohn aus privater Sammlung zur Verfügung
gestellt hat.
Die hier aufgeführten Aufgaben und Fragen sind als Anregungen zu verstehen und sollen den Schülern bei ihrer Urteilsfindung helfen. Natürlich können Schüler und Lehrer eigene Fragestellungen finden und sollten es auch tun.
Natürlich können zu den hier vorgestellten Materialien noch mehr Fragen gestellt
werden. Die obigen Aufgaben sollten eigentlich nur die Richtung vorgeben, in die
gefragt werden kann. Vor allem kam es darauf an, dass sich die Schüler mit der
Verantwortlichkeit des Menschen beschäftigen und mit den Umständen und inneren
Einstellungen, die Menschen daran hindern können, verantwortlich zu handeln.
Außerdem sollte den Schülern bewusst werden, dass die Beschäftigung mit der
Zeitgeschichte kein Selbstzweck ist, sondern Handlungsorientierung und
Hilfestellung bei der Bewältigung von gegenwärtigen Situationen und Problemen
bietet.
Zur Vorbereitung der Diskussion über Anpassung und Widerstand, über Wegschauen
oder Engagement, über feiges Zurückziehen oder risikobereites Einschreiten
empfiehlt sich der Besuch der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch.
Klassen können sich bei Gerhard Hoch, Buchenstraße 2, 25486 Alveslohe, Tel.:
04193-2925 oder bei Jürgen Gill, Brookweg 35, 24568 Kaltenkirchen, Tel.:
04191-6181 anmelden.