Wie angekündigt, stellte der Trägerverein KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen am
Volkstrauertag der Öffentlichkeit einen Videofilm vor, den Schüler der
Realschule Kellinghusen über das KZ-Außenkommando Kaltenkirchen gedreht
haben. Mit dieser öffentlichen Vorstellung sollte die hervorragende
filmische Leistung der Schüler und ihres Lehrers, Walter Vietzen, gewürdigt
werden. Stolz konnten die anwesenden Filmemacher feststellen, welch enorme
Resonanz nun ihr Werk in der Bürgerhalle Kaltenkirchen gefunden hat. Mit
mehr als 120 Besuchern war die Diele übervoll.
Der
von den Schülern unter Leitung ihres Lehrers Walter Vietzen fast
professionell gestaltete Videofilm beeindruckte die vielen Zuschauer so
sehr, dass nach Ende der Vorführung eine lange nachdenkliche Pause entstand.
Was haben die Schüler gezeigt? Sie zeigten, wie in Deutschland nach 1933
nach und nach Demokratie und Menschenrechte abgeschafft wurden und ein Netz
von Konzentrationslagern entstand, in die unliebsame Personen ohne
Rechtsurteil weggesperrt wurden. Sie zeigten, wie die Verfolgung und
Drangsalierung missliebiger Personen nicht nur unter den Augen der
Bevölkerung, sondern auch mit deren überwiegender Zustimmung stattfanden.
Und schließlich zeigten sie, dass auch hier in unserer Nachbarschaft
Menschen gequält, geschunden und zu Tode gebracht wurden.
Das KZ-Außenkommando Kaltenkirchen, ein Außenlager des großen KZ-Neuengamme
bei Hamburg, war im Sommer 1944 von der Luftwaffe in Springhirsch an der
Reichsstraße 4, heute B4, eingerichtet worden. Über 550 KZ-Häftlinge sollten
in der Schlussphase des Krieges den Militärflugplatz Kaltenkirchen für eine
"Wunderwaffe", düsengetriebene Jagdflugzeuge, ausbauen. Unzureichend
ernährt, schlecht gekleidet, demütigend behandelt und unmenschlich
geschunden starben Hunderte von ihnen in der kurzen Zeit vom Sommer 1944 bis
zum Frühjahr 1945. Die Menschen in Kaltenkirchen und in der Wald- und
Gartenstadt Springhirsch konnten die Vorgänge täglich beobachten. Die
Schüler zeigten, dass von den vielen Beobachtern des Leidens der
KZ-Häftlinge einige Wenige den Geschundenen halfen, indem sie heimlich den
Häftlingen Nahrung zuschoben. Eine Frau, Hertha Petersen, nach der heute in
Kaltenkirchen ein Straßenname benannt ist, half drei französischen
Flüchtlingen durch Unterkunft in ihrem Hause sich ihren Häschern zu
entziehen und damit zu überleben. In dieser Zeit, Mitte April 1945, wurde
das Lager vor dem Herannahen der Engländer evakuiert, die KZ-Häftlinge nach
Wöbbelin in Mecklenburg unter unglaublichen Bedingungen verfrachtet, wobei
eine Großzahl von ihnen ums Leben kam. Den drei Franzosen war die tödliche
Evakuierung erspart geblieben und sie überlebten, wobei es einem von ihnen,
Richard Tackx, später gelang, viele seiner verstorbenen französischen
Kameraden im Massengrab Moorkaten zu identifizieren und für ihre Rückführung
nach Frankreich in Familiengräber zu sorgen.
Besonders beeindruckend im Film war das Interview mit einem Überlebenden des
Kaltenkirchener Lagers, mit dem achtzigjährigen Roger Remond. Die Filmgruppe
hatte ihn in Frankreich besucht. Er erzählte, wie er mit anderen jungen
Männern des französischen Dorfes aus Rachegründen von den Deutschen in das
Konzentrationslager Neuengamme verschleppt und nach Kaltenkirchen zur Arbeit
an dem Militärflugplatz gezwungen wurde. Von seinen sieben mitverschleppten
Kameraden überlebte keiner. Er überlebte als Einziger, er, der die Nachricht
vom Tode den betroffenen Familien überbringen musste. Das war für ihn das
Schwerste. Er stellte immer wieder die Frage: "Warum habe ich überlebt und
alle meine Kameraden sind gestorben?"
Nach dem langen nachdenklichen Schweigen am Ende der Vorführung stellten
einige Zuschauer Fragen an die Filmemacher. Unter anderem wurde gefragt,
warum sie sich mit diesem schweren Thema auseinandergesetzt haben. Sie und
Herr Walter Vietzen machten deutlich, dass es darum gegangen sei, die
Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, dass besonders junge
Leute informiert werden müssten, um sie zu stärken, um sie sensibel zu
machen, damit in Zukunft die Beseitigung von Recht, Demokratie und
Menschlichkeit nie wieder vorkommen könnten. Dafür hätten sie den Film
geschaffen und ihn dem Trägerverein zur Verfügung gestellt, damit er im
Dokumentenhaus Schulklassen gezeigt und die pädagogische Arbeit für mehr
Mitmenschlichkeit, Wahrung der Menschenrechte und Demokratie unterstützt und
gefördert werden könnte. Eine weitere Frage aus dem Zuschauerraum zielte
darauf, warum im Film nicht Personen aus Kaltenkirchen genannt und ihre
damalige Verstrickung in die unmenschlichen Vorgänge beklagt worden seien.
Hierauf antwortete ein Vertreter des Trägervereins, dass er es gut fände,
dass die Schüler mit dem Film nicht anklagen, sondern aufklären und
informieren wollten, dass sie z.B. zeigen wollten, wie das Unrecht damals
die Menschen infiziert hat, ein Vorgang, der sich nie wiederholen dürfe.
Frau Uta Körby vom Trägerverein dankte den Schülern und dem Lehrer Walter
Vietzen für die hervorragende filmische Leistung, indem sie jedem Schüler
ein kleines Geschenk überreichte.
Sie versicherte, dass der Film im Dokumentenhaus der Gedenkstätte, die ohne
dem Engagement und der wissenschaftlichen Arbeit des Historikers Gerhard
Hoch nicht existieren würde, von nun an vielen Besuchergruppen und
Schulklassen gezeigt würde. Auch Gerhard Hoch bedankte sich bei den
Schülern. Er drückte seine Freude darüber aus, dass gerade junge Leute seine
Aufklärungsarbeit so wirkungsvoll unterstützten.
Für den Trägerverein
Jürgen Gill
Pressesprecher