Am
Wochenende weilte eine fünfköpfige Besuchergruppe aus dem polnischen Kalisz
in Kaltenkirchen. Kalisz ist die polnische Patenstadt Kaltenkirchens. Die
polnische Besuchergruppe vertrat das Lyzeum (Gymnasium) in Kalisz und war im
Rahmen eines schulischen Projektes nach Kaltenkirchen gekommen. Dazu gehörte
der Besuch der KZ-Gedenkstätte in Springhirsch.
Zwei
Schülerinnen, Ula Sudnicka (17) und Agnieszka Arcimowicz (17), die
Schulleiterin Anna Arcimowicz, ihre Stellvertreterin Grazyna Czerner und die
Vorsitzende des Elternrates Mariola Sudnicka wurden bei ihrem Besuch der
Gedenkstätte von Renate und Uwe Amthor und dem SPD-Ortsvereinvorsitzenden
Reinhard Maywald begleitet. Die Gruppe zeigte sich sehr beeindruckt von der
zweistündigen Führung durch die Gedenkstätte, die von Jürgen Gill,
Schriftführer des Trägervereins, vorgenommen wurde. Insbesondere die
Darstellung des Schicksals einzelner KZ-Häftlinge, die Haltung und
Einstellung der damaligen in der Umgebung des Lagers lebenden Bevölkerung
und die Geschichte nach 1945, als das große Verdrängen und Vergessen begann,
interessierten die Besucherinnen. Auch wurde mit großem Interesse vernommen,
dass die Holzbaracken des ehemaligen KZ-Außenlagers bis in die 60-er Jahre
hinein von deutschen Flüchtlingen aus dem Osten bewohnt worden waren.
Besonders hellhörig lauschte die Gruppe, als Jürgen Gill über das Schicksal
eines einzelnen Häftlings aus Holland, Arie Roders, berichtete. Zwei Neffen
von Arie Roders hatten erst in diesem Jahr vom Schicksal ihres Onkels, der
1945 in Kaltenkirchen zu Tode gekommen war, erfahren. Bis dahin galt Arie
Roders für seine Familie als verschollen. In einer lebhaften Korrespondenz
mit den Neffen erfuhr der Trägerverein, dass Arie von der Gestapo 1943
verhaftet worden war, weil er als Beamter im Amsterdamer Einwohnermeldeamt
Karteikarten jüdischer Mitbewohner vernichtete, um diese vor der Deportation
zu bewahren. An solchen und ähnlichen Geschichten über Einzelschicksale, die
nach so langer Zeit aufgeklärt werden, ist Anna Arcimowicz, die
Schulleiterin des Lyzeums, besonders interessiert, weil ihr schulisches
Projekt "Spurensuche" in diese Richtung weist. Sie möchte ausgehend von
Namen Verstorbener deren persönliches Schicksal von ihren Schülerinnen
aufspüren lassen, um so einen lebendigen Eindruck von Lauf der Geschichte
und ihre Auswirkung auf Lebensschicksale Einzelner vermitteln zu können.
Schließlich legten die polnischen Gäste im Gedenkstättengelände ihre in
Polen beschrifteten Feldsteine zu den anderen, die dort schon liegen,
nieder. Die 32 Steine haben die beiden Schülerinnen Ula und Agnieszka bei
einer Kiesgrube in Kalisz gesammelt und mit den Namen polnischer
KZ-Häftlinge beschriftet, die in Kaltenkirchen verstorben waren. Der
Trägerverein hatte im Frühjahr eine Liste mit den Namen der in Kaltenkirchen
verstorbenen polnischen KZ-Häftlingen nach Polen geschickt. Ab jetzt also
finden Besucher der KZ-Gedenkstätte die Stelle der niedergelegten Steine um
die polnischen Namen ergänzt vor. Schon bisher hatte sich die Stelle für die
Besucher als ein besonderer Anziehungspunkt entwickelt. Hier verweilten
viele sehr lange, studierten die Namen, stellten fest, aus wie viel
verschiedenen Ländern die Toten stammten und wie jung sie waren, als sie
starben. Um so mehr wird dieser Ort zukünftig eine Stelle des Gedenkens
sein, wenn dort auch die polnischen Namen zu lesen sind.
Die Schulleiterin Anna Arcimowicz beherrschte die deutsche Sprache so gut,
dass sie für ihre Begleiterinnen eine gute Dolmetscherin war. Sie übersetzte
die umfangreichen Ausführungen des Vertreters des Trägervereins sofort ins
Polnische. Somit konnte anschließend im Dokumentenhaus ein lebhaftes Fragen
und Antworten mit allen polnischen Besucherinnen stattfinden.
Am Schluss trugen sich die polnischen Gäste in das Gästebuch des
Trägervereins ein. In polnischer und in deutscher Sprache schrieben sie u.a.:
"Wir erkennen diejenigen an, die hier
sich darum bemühen, dass diese Vergangenheit nicht vergessen wird."
Jürgen Gill
Pressesprecher des Trägervereins