Am Nachmittag des 8. Mai 2004 fand an der KZ-Gedenkstätte in Springhirsch
eine öffentliche Gedenkveranstaltung statt. Mit einer feierlichen
Niederlegung von Steinen durch die Teilnehmer wurde an das Ende der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am 8. Mai 1945 erinnert und der
vielen Toten des KZ-Außenkommandos Kaltenkirchen gedacht. Es schloss sich
eine Gedenkwanderung zum 2km entfernten Ort des ehemaligen "Sterbelagers"
sowjetischer Kriegsgefangener an.
Feldsteine, die in der Region gesammelt und mit den Namen von verstorbenen
Häftlingen des KZ-Außenkommandos Kaltenkirchen beschriftet worden waren,
legten die Teilnehmer an einer geeigneten Stelle im Gedenkstättengelände ab.
In beeindruckender Weise wurden so die Namen der Toten für die zukünftigen
Besucher der Gedenkstätte dem Vergessen entrissen. Die Namen, die
Herkunftsländer, die Geburts- und Todesdaten von 213 KZ-Häftlingen waren in
zum Teil damals illegal geführten Listen festgehalten und uns heute
überliefert worden. Aber vermutlich weit mehr als 500 Opfer sind im Lager
umgekommen. Wenigstens denen, deren Namen wir kennen, die Würde, die
Bedeutung, und ihre Identität wieder zurückzugeben, alles das, was ihnen
damals in einem unmenschlichen Wahn genommen worden war, das war der Sinn
der Veranstaltung. Trauer und Andenken gegenüber Menschen, die einen Namen
haben, sind nun für die Besucher der Gedenkstätte möglich.
Anschließend wanderten die Teilnehmer durch den Wald nach Süden bis zu dem
Ort, wo sich von 1941 bis 1943 das Krankenrevier eines sowjetischen
Kriegsgefangenenlagers befunden hatte. Der Vorsitzende Gerhard Hoch
erläuterte den Teilnehmern die unmenschlichen Bedingungen des Lagers, dessen
offizielle Bezeichnung damals lautete: "Erweitertes Krankenrevier des
Stammlagers XA Schleswig, Zweiglager Heidkaten". Als ab 1941 überall in
Deutschland die sowjetischen Kriegsgefangenen ankamen, wurde die Forderung
nach großen Sammellagern laut. Herr Hoch zitierte folgenden Bericht, der am
18.12.1941 an das "Gaupropagandaamt Kiel" gerichtet war:
"Die eintreffenden Bolschewisten (sind) nur zum geringen Teil
einsatzfähig...Alle hier eintreffenden sowjetischen Kriegsgefangenen sind
vollkommen verhungert und können sich zum Teil nicht mehr aus eigener Kraft
vorwärts bewegen... Wenn man sie schon sterben lassen will, so soll man dies
in den großen Sammellagern tun. Den Gemeinden erwächst alleine schon daraus,
dass überall Beerdigungsplätze beschafft werden müssen, erheblicher
Schaden."
Nach der Genfer Konvention, die 1929 die humane Behandlung von
Kriegsgefangenen regelte, fragte also niemand. Auch im Heidkatener Lager
herrschten derart unmenschliche Bedingungen, dass allein hier vierstellige
Todeszahlen zu verzeichnen waren. Ein heute sehr betagter Zeuge, der am
Schluss seines Lebens nicht länger schweigen wollte, bestätigte jüngst die
unsäglichen Zustände dort. Gerade die Osteuropäern, die man als
"Untermenschen" bezeichnete, "wertlosen Dreck", die "Bolschewisten als
gefährliche Feinde der Zivilisation", usw. wurden schlimm behandelt. Hier
ging die unmenschliche Saat auf, die von nationalsozialistisch geprägten
Lehrern, Pfarrern und anderen Meinungsführern gelegt worden war. Und die
Wachsoldaten, Angehörige der Deutschen Wehrmacht, zu Hause ganz normale
Bürger, begingen Verbrechen, die nie gesühnt worden sind. Und wenn wer
denkt, die Welt sei heute besser als damals, der täuscht sich. Sadistische
Folterspiele an irakischen Kriegsgefangenen belegen, wie auch heute noch
eine Saat aufgehen kann, wenn Menschen als gefährlich und minderwertig
diffamiert werden. Amerikanische Überheblichkeit und christliches
Sendungsbewusstsein, die Menschen einfach in Gut und Böse einteilt,
ermuntert Soldaten dazu Kriegsgefangene zu foltern und zu demütigen,
Soldaten, die zu Hause "ganz normale Bürger" sind und gefeiert werden, wenn
sie zurückkommen.
Am Ort des sogenannten "Sterbelagers" will der Trägerverein eine
informierende Gedenktafel aufstellen. Sie soll der vielen Opfer gedenken und
mahnen, dass niemals solches Leid Menschen angetan werden darf. Sie soll
auch den Betrachter sensibel machen angesichts von Unrecht und Gewalt, die
auch heute noch in der Welt sind.
Jürgen Gill
Pressesprecher des Trägervereins