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Am 16. November 2004 verlieh die Universität Flensburg in einer Feierstunde
die Ehrendoktorwürde an Gerhard Hoch, nunmehr Dr. phil. h.c. Gerhard Hoch.
Wie der Historiker Prof. Ruck mitteilte, ist damit Gerhard Hoch in der
Geschichte der Flensburger Universität der dritte Würdenträger dieser hohen
Auszeichnung, die im Schnitt nur einmal in zehn Jahren vergeben wird. Damit
würdigte die Universität die hervorragende wissenschaftliche Leistung von
Dr. Hoch zur Erforschung der nationalsozialistischen Vergangenheit
Schleswig-Holsteins. Prof. Ruck unterstrich die Pionierleistung Dr. Hochs
seit Mitte der siebziger Jahre, die bis heute die neuere Forschung bestimme.
Auch Prof. Dr. Heiner Dunckel, Rektor der Universität Flensburg hob die
wissenschaftliche Leistung Dr. Hochs hervor, an der die heute Studierenden
und Forschenden nicht vorbeikämen. Mit der Verleihung der Ehrenpromotion an
Gerhard Hoch schmücke sich auch die Universität Flensburg und erhöhe damit
ihr eigenes Gewicht und stärke ihre Bedeutung in der Universitätslandschaft,
was die Lehre und die Forschung der Geschichte des Nationalsozialismus
angehe. Auch ein Vertreter der schleswig-holsteinischen Landesregierung
beteiligte sich an der Laudatio.
Die Festrede, ein hochinteressanter Vortrag, hielt Priv.-Doz. Johannes
Tuchel von der FU Berlin. Sein Thema "Verfolgung im Nationalsozialismus:
Ansätze der neueren Forschung" beschäftigte sich mit der "Volksgemeinschaft"
im Nazireich, mit ihrem Identifikationsangebot für viele Menschen, mit der
Haltung, den Einstellungen und Erwartungen einer überwiegenden Mehrheit der
deutschen Bevölkerung gegenüber der nationalsozialistischer Herrschaft. Er
stellte dar, wie 1933 die Macht der Nationalsozialisten sich auf eine breite
Zustimmung der Bevölkerung stützen konnte, die nach den Erfahrungen des
Versailler Vertrages, der wirtschaftlichen Krisen und Arbeitslosigkeit mit
der Machtergreifung der Nazis neue Hoffnungen verknüpfte. Die Mehrheit der
Menschen war in Deutschland schnell bereit, dafür demokratische
Errungenschaften, ja sogar die elementaren Menschenrechte zu opfern.
Johannes Tuchel führte aus, "wenn 1938 in Deutschland tatsächlich freie
Wahlen stattgefunden hätten, dann hätte sich die Hitlerpartei einer
überwältigenden Zustimmung ihrer Politik erfreuen können, einer Politik der
Intoleranz, der Ausgrenzung der jüdischen Mitbürger und der offenkundigen
Kriegsvorbereitung." Seine Ausführungen gipfelten in der Feststellung, dass
ohne diese Unterstützung durch die deutsche Bevölkerung die Nazis ihre Macht
und Stärke nie hätten ausspielen können, ja dass ihr verbrecherisches
Herrschaftssystem geradezu darauf gründete. Denunziantentum, Wegschauen,
wenn der jüdische Nachbar abgeholt wurde, Klammern an Strohhalme der
Hoffnung trotz offenkundig bevorstehender Niederlage, wenn Göbbels redete,
alles das war bis zuletzt an der Tagesordnung. Zum Denunziantentum nannte
Johannes Tuchel Beispiele: Nach dem Ende eines Bombenangriffs in Berlin
läuft ein Mann über eine mit Trümmern übersäte Straße, bückt sich und hebt
etwas auf. Jemand beobachtet ihn dabei und macht sofort Meldung bei der
Polizei. Der Mann wird untersucht, kann die Herkunft eines Gegenstandes, den
er bei sich hat, nicht erklären, wird von einem Schnellgericht wegen
Plünderung zum Tode verurteilt und am nächsten Tag in Plötzensee exekutiert.
Andere Beispiele belegen die auf Denunziantentum, Zustimmung und Angst
ruhende Macht der Nazis, mit der ungestört und vor den Augen der Bevölkerung
halbtote KZ-Häftlinge über öffentliche Straßen geführt und jüdische
Mitbürger offenkundig in Vernichtungslager deportiert werden konnten. Der
Referent stellte fest, dass entgegen aller Beteuerung nach dem Kriege, man
habe von den Verbrechen nichts gewusst, alle entweder davon gewusst haben
oder zumindest davon hätten wissen müssen, wenn sie nicht bewusst die Augen
davor verschlossen haben.
Das sind die Ergebnisse "der neueren Forschung", wie sie von Johannes Tuchel
vorgestellt wurden. Viele Zuhörer haben sie in solcher Pointierung selten
gehört.
Dr. phil. h.c. Gerhard Hoch bedankte sich für die hohe Auszeichnung und
erzählte aus seinem Leben, u.a. aus seinen Erfahrungen im Umgang mit seinen
früheren Weggenossen, die wie er im Nationalsozialismus als junge Menschen
sozialisiert worden waren. Sie warfen ihm später vor, "von der Fahne
gegangen zu sein". Wir wünschten, es wären noch mehr so "von der Fahne"
gegangen wie er.
Das Foto zeigt den Rektor der Universität, Prof. Dr. Heiner Dunkel
unmittelbar vor der Überreichung der Urkunde.
Jürgen Gill
Pressesprecher