Die Ehrendoktorwürde der Universität Flensburg für Gerhard Hoch

05.11.2004



Gerhard Hoch aus Alveslohe wird am 16.11.04 die Ehrendoktorwürde der Universität Flensburg verliehen. Die hohe Auszeichnung erhält er „in Anerkennung seiner hervorragenden wissenschaftlichen Leistung“, wie die Universität mitteilt. Damit wird das wissenschaftliche und politische Engagement gewürdigt, mit dem der Historiker Gerhard Hoch die Geschichte Schleswig-Holsteins im Nationalsozialismus aufgedeckt und dem drohenden Vergessen entrissen hat.

1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und innerhalb kurzer Zeit alle demokratischen Freiheiten und rechtstaatlichen Errungenschaft hinwegfegten, war Gerhard Hoch zehn Jahre alt. Damit gehörte er jener Generation an, von der man sagte, sie sei eine verlorene Generation, weil sie vom Ungeist des Nationalsozialismus geprägt worden ist. Auch Gerhard Hoch war damals wie fast alle zu einem glühenden Verfechter nationalsozialistischer Ideen gemacht worden. Als Hitlerjunge und später als Soldat verfocht er jene menschenverachtende Ideologie, die so vielen Menschen Leid und Tod gebracht hatte. Aber im Gegensatz zu den meisten seiner Generation machte er nach dem Kriege persönlich einen sehr schmerzhaften und einschneidenden Lern- und Umdenkungsprozess durch. Ab März 1945 – gerade 22 Jahre alt – geriet er in US-amerikanische Gefangenschaft. Während der dreijährigen Gefangenschaft in der Sinnkrise nach dem Verlust der Ideale seiner Jugend lernte er, was Freiheitsrechte, Menschenrechte und demokratische Werte bedeuten. Halt fand er im Angebot des christlichen Glaubens.

So neu orientiert und beseelt war er entsetzt, als er nach seiner Rückkehr im Mai 1948 in Alveslohe den alten und überwunden geglaubten Nazigeist immer noch vorfand. So zog er sich als Benediktinermönch bis 1956 zurück. Die Geschichte der Bundesrepublik bis in die siebziger Jahre hinein war geprägt vom Verdrängen und Verschweigen der ungeheuren nationalsozialistischen Verbrechen. Ehemalige Nationalsozialisten bekleideten hohe Ämter und an den nationalsozialistischen Verbrechen Beteiligte kamen frei oder wurden gar nicht erst belangt. Die Stätten nationalsozialistischer Verbrechen in unmittelbarer Nähe und Nachbarschaft gerieten in Vergessenheit, damit wurde verhindert, dass den Opfern gedacht und sich kritisch mit den Folgen des Unrechts auseinandergesetzt werden konnte.

Gerhard Hoch arbeitete in dieser Zeit als Leiter der Lehrerbibliothek des IfL in Hamburg. 1975 bekam er durch ein älteres SPD-Mitglied den Hinweis auf das KZ-Außenlager Kaltenkirchen. Damals arbeitete er in der Redaktion des sehr rührigen SPD-Info-Blattes in Kaltenkirchen. Er verfasste einen Artikel „Kaltenkirchens blutige Erde“ im Rahmen einer Serie „30 Jahre nach Kriegsende“. Und hier schlug er das Thema an, das ihn seitdem nicht mehr losließ. Dort schrieb er: „Wir wollen... besonders im Hinblick auf die ...jüngeren Bürger beitragen zur Erhellung von Geschichte und Vergangenheit unserer Stadt.“

Damit betrat Gerhard Hoch einen neuen Weg. Er wurde zum Vorreiter und Pionier eines neuen Umganges mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der eigenen Region. Er rührte an Tabus und schreckte eine Gesellschaft auf, die nicht mehr an die Verbrechen der Nazis und an die eigene Mitverantwortung und Verstrickung darin erinnert werden wollte, Verbrechen, die bis in die letzten Kriegstage hinein mitten in Deutschland an KZ-Häftlingen, an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern und an anderen NS-Verfolgten begangen worden waren. Er deckten den nationalsozialistischen Alltag in unserer unmittelbaren Nachbarschaft auf, nannte Namen nationalsozialistischer Größen und Verbrecher, die hier in der Region bekannt waren und wies nach, dass die hiesige Bevölkerung sehr wohl im Angesicht der nationalsozialistischen Opfer gelebt, von den begangenen Verbrechen gewusst und sie zumindest in ihrer Mehrheit akzeptiert hatte. Als er 1979 sein Buch „Hauptort der Verbannung – Das KZ-Außenkommando Kaltenkirchen“ und etwas später sein Hauptwerk „Zwölf wiedergefundene Jahre – Kaltenkirchen unter dem Hakenkreuz“ veröffentlichte, traf er auf heftige Abwehr derjenigen, die an Konzentrationslager, Kriegsgefangenenlager, an Todesmärsche und Erschießungen nicht erinnert werden wollten. Seine Arbeiten können als Pionierleistung angesehen werden. Seine Dokumentationen und wissenschaftliche Arbeiten über vergessene Lager vor der eigenen Haustür, über Todesmärsche durch unsere Heimat, über Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Betrieben unserer Nachbarschaft und über Massengräber von ermordeten und zu Tode geschundenen KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen brachten überhaupt erst ins öffentliche Bewusstsein, dass ganz Deutschland in den Kriegsjahren von einem Netz an Konzentrations- und Zwangsarbeiterlagern überdeckt war, so auch hier bei uns in der Region unter den Augen der Bevölkerung.

Widerstände regten sich, Gerhard Hoch wurde beschimpft und von denen, die ihn von früher her als Hitlerjungen kannten, als charakterlos diffamiert. Diese dokumentierten damit, dass sie ihre eigene nationalsozialistische Prägung nicht verarbeitet und überwunden hatten, sondern noch immer in ihrem alten unseligen menschenverachtenden Denken verhaftet waren.

Wie sehr nach dem Kriege vergessen und verschleiert werden sollte, machte schon die Bezeichnung „Kriegsgräberstätte Moorkaten“ deutlich, ein Massengrab an der Betonstraße, wo zu Tode geschundene KZ-Häftlinge und sowjetische Kriegsgefangenen verscharrt worden waren. Dass dort überhaupt eine Gräberstätte existierte, war einem überlebenden französischen KZ-Häftling, Richard Tackx, zu verdanken, der nach seiner Befreiung 1945 für seine verstorbenen Kameraden Holzkreuze hatte aufstellen lassen, die nicht übersehen werden konnten. Die Stelle aber „Kriegsgräberstätte“ zu nennen ohne irgendwelche konkreten Hinweise auf Ursprung und Geschichte der dort Begrabenen, war eine gewollte Verschleierung, die sehr wirksam der nachfolgenden Generation die wahren Hintergründe vorenthielt. Damit hatte Gerhard Hoch in zäher Beharrlichkeit aufgeräumt. Heute weisen Schilder und Informationstafeln auf die wahre Geschichte hin, z.B. auch darauf, dass die deutsche Wehrmacht für die vielen toten sowjetischen Kriegsgefangenen verantwortlich war, ein Hinweis, den man in Kaltenkirchen lange unterdrücken wollte.

Zwanzig Jahre nachdem Gerhard Hoch sich wissenschaftlich mit dem KZ-Außenlager Kaltenkirchen befasst hatte, ging von ihm auch die Initiative für eine KZ-Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände in Springhirsch an der B4 aus. Er entwickelte den zunächst verwegen anmutenden Plan, den historischen Ort wieder sichtbar zu machen und als Lernort der Geschichte zu gestalten. Auf dem abgelegenen Gelände war inzwischen „der Wald des Vergessens“ gewachsen, der alle Spuren unter sich begrub. Ihm gelang es Spenden einzuwerben und mit Bagger, Schaufeln und Spaten Reste der Latrinen – und Waschbaracke des ehemaligen Lagers wieder sichtbar zu machen. Damit war die Grundlage geschaffen worden für die Einrichtung einer Gedenkstätte am authentischen Ort. Und Gerhard Hoch gelang es auch, nachdem das Amt Kaltenkirchen Land und die Stadt Kaltenkirchen die Trägerschaft aus Kostengründen abgelehnt hatte, mit Hilfe der Stadt Kaltenkirchen eine Konstruktion einer privatrechtlichen Trägerschaft zu finden, die sich bis heute vorteilhaft bewährt hat. Den Vorsitz des Trägervereins übernahm Gerhard Hoch, wobei es ihm gelang, eine Mannschaft engagierter Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu gewinnen, die ihn unterstützt und in der Lage sein wird, seine Arbeit fortzusetzen. Das Modell der Patenschulen, an der sich bisher 21 Schulen aus der Region beteiligen, lag ihm besonders am Herzen. Denn er sieht die Gedenkstätte als Lernort der Geschichte, die den nachfolgenden Generationen vor Augen führen soll, dass wir alle für Demokratie und menschliche Grundwerte einstehen und uns um sie bemühen müssen, wenn solche Verbrechen an der Menschlichkeit, wie sie auch in unserer Region vorgekommen sind, sich nicht wiederholen sollen.

Es ist der Arbeit Gerhard Hochs zu verdanken, dass heute die KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinaus beispielhaft ausstrahlt. Sie ist eingebettet in des regionale Umfeld. Kreise, Kommunen, Parteien und Kirchengemeinden sind neben vielen Privatpersonen Mitglieder im Trägerverein. Zahlreiche Schulpartnerschaften, der öffentliche Zugang, die Ausstellung im Dokumentenhaus, darüber hinaus Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Führungen haben die KZ-Gedenkstätte im öffentlichen Bewusstsein verankert. Hierfür, für sein politisches Engagement und für seine zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten und Veröffentlichungen, die das gesellschaftliche Bewusstsein vorteilhaft verändert haben, hatte Gerhard Hoch auch schon in der Vergangenheit hohe Auszeichnungen erhalten. So bekam er die Ehrennadel des Landes Schleswig-Holstein und den „Marion-Samuel-Preis“ der Stiftung „Erinnerung“. Dass er jetzt die Ehrendoktorwürde der Universität Flensburg erhält, freut uns alle sehr. Wir gratulieren ihm und wünschen ihm, dass er noch viele Jahre seine wichtige und segensreiche Arbeit fortführen kann. Sein Lebenswerk, das in der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch seinen sichtbaren konkreten Ausdruck hat, wird weiterhin Früchte tragen, da sind wir uns sicher.

Für den Trägerverein

Jürgen Gill