Im voll besetzten Kaminzimmer des Bürgerhauses Kaltenkirchen las der Bonner
Prof. Friedhelm Boll aus seinem Buch „Sprechen als Last und Befreiung,
Holocaust-Überlebende und politisch Verfolgte zweier Diktaturen“.
Unterstützt wurde er dabei von dem Schauspieler Karl-Heinz von Hassel, den
man aus dem Fernsehen als Kommissar Brinkmann und anderen Fernsehfilmen
kennt. Als Veranstalter trat der Trägerverein KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen
auf. Frau Uta Körby vom Trägerverein moderierte die gut besuchte
Veranstaltung.
Beide Vortragenden ergänzten sich auf ideale Weise. Der Professor
kommentierte, erläuterte und erklärte seine Studie, die er über das Sprechen
und Nichtsprechen von Überlebenden des Holocausts angefertigt hat, und der
Schauspieler las die teilweise erschütternden Erzählzeugnisse der
überlebenden Opfer des Nationalsozialismus vor. Damit erzeugten sie bei den
Zuhörern höchste Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit.
In der umfangreichen Studie waren von Friedhelm Boll über hundert Interviews
mit Überlebenden näher untersucht worden. Ausgewählt hatte er solche
Personen, die mehrfach befragt wurden und zu denen zusätzlich ältere
Erinnerungstexte zum Vergleich herangezogen werden konnten. Dabei entdeckte
er die Abhängigkeit der erzählten Lebensgeschichten vom sozialen Kontext
ihrer Entstehung, d.h., die Art des Reden- und Nichtredenkönnens hing u.a.
von dem Interesse oder Nichtinteresse der Zuhörer ab. In den ersten dreißig
Jahren nach dem Ende des Krieges konnten die meisten Opfer nicht reden, weil
niemand ihnen zuhören wollte, weil das, was sie zu sagen hatten, in einer
Gesellschaft nicht passte, die mit anderen Dingen beschäftigt war und weil
die erlebten Vorgänge in der Nachkriegsgesellschaft unerwünscht erschienen.
Prof. Friedhelm Boll konzentrierte sich an dem Abend in Kaltenkirchen auf
drei Beispiele. Im ersten Beispiel wurde die Lebensgeschichte des Juden
Feliks Fischer dargestellt, der bisher über seine Erlebnisse in Auschwitz
geschwiegen hatte. Er konnte nicht reden und kann es auch heute nicht recht.
Er hat eine panische Angst davor, missverstanden zu werden. Fischer: „Ein
Teil wird da sein und sagen: < Schade, dass er noch lebt, dass wir sie nicht
gleich vergast haben, hätten wir sie vergast, dann hätten sie nichts
erzählt.> Wenn Feliks Fischer zählt, dann nur in abgerissenen Sätzen.
Zuletzt sagte er : „... man muss auch einen Teil vergessen, sonst kann man
nicht leben.“
Das zweite Beispiel zeigt die Jüdin Hanna Mandel, die ihre Erlebnisse
erzählt, weil sie das Erzählen als eine Befreiung erlebte. Das ständig
anwachsende öffentliche Interesse regte sie an, ihre Verfolgungserfahrung
erzählerisch durchzuarbeiten und zu gestalten. Sie tritt seit der Mitte der
1970er Jahre in Schulen und Gedenkstätten auf. Sie erzählt, wie sie als
15-jähriges Mädchen im Lager mit ansehen musste, wie ein neugeborenes Kind
von einem SS-Mann an die Wand geklatscht und die Mutter davon wahnsinnig
wurde. Sie, Hanna Mandel, hat später selber Kinder bekommen und jedes Mal
traten entsetzliche Alpträume und Ängste auf. Sie weiß, dass sie die
Alpträume nie los werden wird, aber durch das Reden über das Erlebte würden
sie sich für sie mildern. Die schrecklichen Erlebnisse seien ihr
eingebrannt, seien wie eine zweite Haut immer da und durch das Reden darüber
seien sie erträglicher. Alle ihre Erzählungen haben einen Anfang und ein
Ende, was zeigt, dass sie Souveränität im Umgang mit ihren Erinnerungen
gewonnen hat. Seit 1975 war ihre Identitätsarbeit, ihre Selbstfindung an
diese Zeitzeugengespräche gebunden. Aber nicht nur für sich selber, auch für
die Zuhörer, insbesondere für Jugendliche, war und ist sie eine
Bereicherung.
Das dritte Beispiel in der Lesung zeigt die Lebensgeschichte von Max
Mannheimer, dessen Reden als Selbsttherapie verstanden werden kann. Er
verfasste einen schriftlichen Lebensbericht, den keiner drucken wollte, der
aber sein Leben veränderte. Sein Bericht zeichnete sich durch eine
lakonische Kürze, durch einen sogenannten Stakkatostil aus, keine
vollständigen Sätze, nur Wortfetzen und Substantive, aber sehr eindringlich
und wie literarisch gestaltet. Die schrecklichen Erlebnisse, z.B. wie seine
Eltern in die Gaskammer ausgesondert wurden, kann er nur in einer
symbolisch, abständigen Form darstellen. Heute ist der Text, den damals
niemand drucken wollte und in dem der Autor Mannheimer viele Fragezeichen
benutzte, in sechs Sprachen übersetzt. Ein Schlüsselerlebnis in Amerika
machte Mannheimer klar, wie präsent ihm seine Erlebnisse in Auschwitz trotz
seiner Textarbeit noch waren. Er entdeckte ein in eine Mauersäule
eingraviertes Hakenkreuz. Er brach zusammen und verbrachte 12 Tage in einem
psychiatrischen Krankenhaus. Daraus lernte er, dass die seelischen Folgen
der KZ-Haft immer wieder aufbrechen werden. Aber mit der Zeitzeugenarbeit,
die durch das öffentliche Interesse in den letzten Jahren gefördert wurde,
gewann er neues Selbstvertrauen. Heute ist er durch seine Zeitzeugenarbeit
sogar in der Lage, mit Neonazis zu diskutieren. Die Erfolge seiner
Aufklärungsarbeit wirken für ihn wie Therapie. Erzählen und Zuhören
funktioniert nur in gegenseitigem Respekt, und indem ihm jetzt zugehört
wird, fühlt er endlich den Respekt und die Achtung, die er in seinem Leben
zuvor, auch noch in den vielen Jahren nach dem Krieg vermissen musste.
Es war ein nachdenklicher, spannender und ergreifender Abend. Im
anschließenden Gespräch machten das die Zuhörer deutlich. Der Trägerverein
dankte den beiden Vortragenden, die für den Abend in Kaltenkirchen auf jedes
Honorar verzichtet hatten.
Jürgen Gill
(Pressesprecher des Trägervereins)