Am Dienstag, den 14. September um 19.00 Uhr im Bürgerhaus Kaltenkirchen
liest Prof. Friedhelm Boll aus seinem Buch: "Sprechen als Last und
Befreiung" . Beim Vorlesen wird er unterstützt vom Schauspieler Karl-Hermann
von Hassel. Karl-Hermann von Hassel dürfte dem
Fernsehpublikum als Kommissar Brinkmann bekannt sein. Im Anschluss an die
Lesung
stellt sich der Buchautor den Fragen und Anmerkungen der Zuhörer.
Worum geht es in dem Buch? Es handelt von der Schwierigkeit, die
Holokaust-Überlebende und Stalinismusopfer haben, wenn sie über ihre
Erlebnisse in den
Konzentrations- und Vernichtungslagern sprechen. Der grauenhafte Alltag dort
kann Zuhörern, die die Lager selbst nicht erlebt haben, kaum so vermittelt
werden, dass sie eine Vorstellung davon bekommen.
Allein die Sprache reicht nicht aus und kennt keine Begriffe für die
Ungeheuerlichkeiten des Lageralltags. Überlebende Opfer des
Nationalsozialismus und des Stalinismus dazu zu bringen, ihre Erlebnisse in
Worte zu fassen, hat die Meisten überfordert. So haben viele in den ersten
Jahrzehnten nach dem Trauma lange geschwiegen.
Professor Boll untersucht in seinem Buch, welche persönlichen und
gesellschaftlichen Umstände die sprachliche Bewältigung der
Verfolgungserfahrung begünstigt und welche sie behindert haben. Dabei
entdeckte er im Gegensatz zu allen bisherigen Studien, wie sehr das
öffentliche Interesse oder Desinteresse eine Rolle gespielt hat und noch
dabei spielt, dass die Opfer sprechen konnten und können. Das allgemeine
Klima des Verschweigens in den ersten Jahrzehnten nach 1945 zum Beispiel hat
auch die Münder der Opfer verschlossen. In der Bundesrepublik und in der
ehemaligen DDR verstopfte man damals seine Ohren, also schwiegen auch die
Opfer.
Heute, nach größerem Abstand, ist das öffentliche Interesse an den
Erzählungen der Überlebenden und Zeitzeugen enorm gewachsen. Auch das
begründet, warum die Überlebenden heute häufiger und mehr reden als damals.
Sie benutzen dafür Bilder, Vergleiche und Symbole, weil es zum einen
unmöglich ist, dem Zuhörer direkt eine Vorstellung zu vermitteln und weil
zum anderen die direkte Erinnerung an die vergangenen Ereignisse sie
emotional immer noch zu sehr gefangen nimmt.
Grundlage der Studie sind über 100 Interviews mit Holocaust-Überlebenden und
Verfolgten des Nationalsozialismus und Stalinismus. Dabei liefert Prof. Boll
eine einfühlsame und differenzierte Analyse der Erzählmuster von
Holocaust-Überlebenden. Seine Studie kann somit Vorbild für weitere
Untersuchungen sein, die sich mit den Erzählungen von politisch Verfolgten
beschäftigen.
Die Lesung ist kostenlos, der Eintritt also frei. Über eine Spende für die
Arbeit des Trägervereins, der als Veranstalter auftritt, werden sich die
Veranstalter freuen."
Jürgen Gill
Pressesprecher des Trägervereins