Lesung Prof. Boll am 14.September

06.09.2004



Am Dienstag, den 14. September um 19.00 Uhr im Bürgerhaus Kaltenkirchen liest Prof. Friedhelm Boll aus seinem Buch: "Sprechen als Last und Befreiung" . Beim Vorlesen wird er unterstützt vom Schauspieler Karl-Hermann von Hassel. Karl-Hermann von Hassel dürfte dem
Fernsehpublikum als Kommissar Brinkmann bekannt sein. Im Anschluss an die Lesung
stellt sich der Buchautor den Fragen und Anmerkungen der Zuhörer.

Worum geht es in dem Buch? Es handelt von der Schwierigkeit, die
Holokaust-Überlebende und Stalinismusopfer haben, wenn sie über ihre Erlebnisse in den
Konzentrations- und Vernichtungslagern sprechen. Der grauenhafte Alltag dort kann Zuhörern, die die Lager selbst nicht erlebt haben, kaum so vermittelt werden, dass sie eine Vorstellung davon bekommen.
Allein die Sprache reicht nicht aus und kennt keine Begriffe für die Ungeheuerlichkeiten des Lageralltags. Überlebende Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus dazu zu bringen, ihre Erlebnisse in Worte zu fassen, hat die Meisten überfordert. So haben viele in den ersten Jahrzehnten nach dem Trauma lange geschwiegen.

Professor Boll untersucht in seinem Buch, welche persönlichen und gesellschaftlichen Umstände die sprachliche Bewältigung der Verfolgungserfahrung begünstigt und welche sie behindert haben. Dabei entdeckte er im Gegensatz zu allen bisherigen Studien, wie sehr das öffentliche Interesse oder Desinteresse eine Rolle gespielt hat und noch dabei spielt, dass die Opfer sprechen konnten und können. Das allgemeine Klima des Verschweigens in den ersten Jahrzehnten nach 1945 zum Beispiel hat auch die Münder der Opfer verschlossen. In der Bundesrepublik und in der ehemaligen DDR verstopfte man damals seine Ohren, also schwiegen auch die Opfer.
Heute, nach größerem Abstand, ist das öffentliche Interesse an den Erzählungen der Überlebenden und Zeitzeugen enorm gewachsen. Auch das begründet, warum die Überlebenden heute häufiger und mehr reden als damals. Sie benutzen dafür Bilder, Vergleiche und Symbole, weil es zum einen unmöglich ist, dem Zuhörer direkt eine Vorstellung zu vermitteln und weil zum anderen die direkte Erinnerung an die vergangenen Ereignisse sie emotional immer noch zu sehr gefangen nimmt.

Grundlage der Studie sind über 100 Interviews mit Holocaust-Überlebenden und Verfolgten des Nationalsozialismus und Stalinismus. Dabei liefert Prof. Boll eine einfühlsame und differenzierte Analyse der Erzählmuster von Holocaust-Überlebenden. Seine Studie kann somit Vorbild für weitere Untersuchungen sein, die sich mit den Erzählungen von politisch Verfolgten beschäftigen.

Die Lesung ist kostenlos, der Eintritt also frei. Über eine Spende für die
Arbeit des Trägervereins, der als Veranstalter auftritt, werden sich die
Veranstalter freuen."


Jürgen Gill
Pressesprecher des Trägervereins

 

 

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