Soldaten besuchen die KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen

21.01.2004

zurück

25 Soldaten der Ersten Unteroffiziersschule der Luftwaffe Appen besuchten jüngst die KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch. Hauptfeldwebel Mark Lohrer leitete die Gruppe. Dr. Gerhard Hoch führte die Soldaten über das Außengelände, informierte sie eingehend über das ehemalige Lager und diskutierte später mit ihnen im Dokumentenhaus u.a. über den damaligen Lagerführer Otto Freyer. Die Soldaten zeigten sich besonders an der Frage des Konfliktes zwischen soldatischem Gehorsam und dem persönlichen Gewissen sehr interessiert.
Die Soldaten der Ersten Unteroffiziersschule der Luftwaffe Appen verfolgen die Ausführungen von Dr. Hoch.
Dr. Hoch stellte im Dokumentenhaus mit Hilfe eines Overheadprojektors den Soldaten mehrere besonders interessante Dokumente, Quellentexte, Urkunden und Fotos vor. Anhand eines Fotos, das den Lagerführer Otto Freyer in SS-Uniform zeigte, entzündete sich die Diskussion. Denn Otto Freyer, eigentlich Hauptmann der deutschen Wehrmacht, hatte sich dem Befehl seines Vorgesetzten gebeugt, als der ihn an die SS abordnete. Dort sollte er, obwohl er gar nicht zur SS gehörte, die SS-Uniform tragen, um den, wie es hieß, "sauberen Rock der Wehrmacht" nicht zu beschmutzen.

Unwillig und innerlich ablehnend erfüllte Otto Freyer bis zum Januar 1945 seine Aufgabe als Lagerführer des KZ-Außenkommandos Kaltenkirchen, bis endlich seinem Gesuch auf Rückversetzung in seine alte Wehrmachtseinheit nachgegeben wurde. Aber in der Zeit seiner Lagerführung sind Hunderte von KZ-Häftlinge durch Hunger, Krankheit, Überforderung und Mord ums Leben gekommen. Zwar hat er sich über die Zustände im Lager bei einigen Frauen in Springhirsch ausgeweint, sich aber nicht getraut, gegenüber seinen menschenschindenden SS-Unterführern durchzusetzen. Die drohten Meldung in Neuengamme zu machen.

Die Soldaten diskutierten nun die Frage, ob er nicht doch mehr für die Menschlichkeit hätte riskieren sollen. Was wäre ihm passiert? Ansehensverlust! Vorwurf der "Humanduselei"! Unehrenhafte Abschiebung zurück zur Wehrmacht! Allenfalls drohte die Abkommandierung an die Front! Heute ist bekannt, dass niemand zu Verbrechen gezwungen wurde. Man hatte vielfältige Nachteile zu ertragen, ja. Aber den "Befehlsnotstand", auf den sich so viele Massenmörder nach dem Kriege beriefen, gab es so nicht. Einige Soldaten sagten: "Otto Freyer ist mitgeschwommen, er wollte nicht auffallen und hat damit vielleicht sogar positiver gewirkt, als ein scharfer Hund an seiner Stelle angerichtet hätte. Andere sagten, wenn es Befehle gibt, die eindeutig gegen Menschlichkeit und geltendes internationales Recht verstoßen, dann darf der Befehl verweigert werden. Bei den Menschenrechtsverletzung durch amerikanische und britische Soldaten an irakischen Häftlingen hat es Soldaten gegeben, denen das Gewissen schlug und die von ihrem Gewissen veranlasst wurden, die Folterungen publik zu machen. Wie schwer es aber in manchen Augenblicken ist, sich gegen unmenschliche Behandlung zu wehren, zeigten Beispiele der jüngsten Zeit in der Bundeswehr, als Rekruten von ihren Ausbildern bei sog. Folterungsübungen gequält worden waren.

Nach mehr als zwei Stunden verließen nachdenkliche Soldaten die Gedenkstätte.

Jürgen Gill
Pressesprecher

 

Öffentliche Führung über die KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch

19.01.2005

zurück

Der Trägerverein der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen bietet interessierten Bürgern eine fachkundige Führung über das Gelände der Gedenkstätte an. Anschließend werden im Dokumentenhaus Fragen beantwortet, Einzelheiten näher erläutert und der Videofilm über das ehemalige KZ-Außenkommando vorgeführt. Mit dieser Veranstaltung am

Sonnabend, 29. Jan. 2005, um 14 Uhr
an der Gedenkstätte in Springhirsch

haben die Besucher die seltene Gelegenheit, sich eingehend und umfassend über die Geschehnisse vor sechzig Jahren hier in unserer Region zu informieren. Alle Bürger, die erfahren wollen, wie es damals in unserer unmittelbaren Nachbarschaft unter den Augen der Bevölkerung solch ein KZ-Lager hat geben können, sind herzlich eingeladen. Der Videofilm, der im Dokumentenhaus anschließend gezeigt wird, wurde von Schülern der Realschule Kellinghusen gedreht und ist derselbe, der im Nov. letzten Jahres im Bürgerhaus Kaltenkirchen unter Anteilnahme einer großen Zuschauermenge uraufgeführt wurde.

Anlass der Veranstaltung ist die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Jan. vor sechzig Jahren. Dazu wird es im Bundesgebiet an vielen Stellen Gedenkveranstaltungen geben. Wir wollen mit unserer Gedenkstättenführung am 29. Januar nicht noch eine weitere Auschwitzgedenkveranstaltung hinzufügen, sondern mit unserer Informationsveranstaltung ergänzend darauf hinweisen, dass nicht nur im fernen Auschwitz und in anderen Vernichtungslagern des Ostens Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen stattgefunden haben, sondern überall im damaligen Reich, auch hier in unsere Nachbarschaft. Ein dichtes Netz von Konzentrationslagern und ihren Außenlagern überzog das Reichsgebiet. Hier wurden unter den Augen der Bevölkerung Menschen gequält, ausgebeutet und deren Leben vernichtet. Wir fragen deshalb, wie es möglich war, dass viele unserer Großeltern und Urgroßeltern und so viele Ältere in unserem Bekanntenkreis behaupten konnten, sie hätten von den Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Mitläufer nichts gewusst. Im KZ-Außenkommando Kaltenkirchen waren KZ-Häftlinge aus Neuengamme untergebracht, die als billige und auszubeutende Arbeitskräfte zum Bau am Militärflugplatz Kaltenkirchen an Kaltenkirchener Bau- und Handwerksbetriebe ausgeliehen worden waren.

Der Trägerverein stellt sich auf eine große Besucherzahl ein und kann, wenn nötig, in zwei Gruppen über das Gedenkstättengelände führen. Wir freuen uns auf Ihren Besuch.

Jürgen Gill
Pressesprecher

zurück